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Die Auferstehung – Können unterschiedliche Berichte gleichzeitig richtig sein? #Stolperverse

Meine Kinder kommen an den Frühstückstisch. „Mama, das neue Buch, was Papa gestern Abend vorgelesen hat, ist so cool.“ „Weißt du, was da passiert ist?“ Die Wortkünstlerin und der Zahlenknobler überschlagen sich fast in ihren Sätzen, mit denen sie mir berichten wollen, die Kunstturnerin wirft ab und zu auch noch ihre Erinnerungen mit ins Gespräch ein. Es gab einen besonderen Zusammenstoß einer Hauptperson mit einer weiteren Person. Mein Sohn erobert das Wort und ich merke, wie er mir mit kurzen Informationen erklären will, wer wer ist und warum er mit wem aneinandergeraten ist. Er ist kein Typ der vielen Worte, er sucht die Punkte, die wichtig sind, um den Höhepunkt verstehen zu können.
Dabei fällt ihm die Wortkünstlerin ständig ins Wort: „Nein, du erzählst falsch, du hast vergessen dies und das zu sagen.“ Und dann holt sie aus und bringt mit bewundernswerter Erinnerungskraft fast jedes Detail der Erzählung zur Sprache. Aber irgendwie ist es auch anstrengend zuzuhören, denn wenn die Geschichte abends auch ein 10-minütiger Genuss war, jetzt beim Frühstück wollen wir auch noch anderes miteinander reden und keiner 10-minütigen Nacherzählung lauschen.

Ich versuche zu vermitteln, dass es nicht falsch ist, wenn man Dinge in der Nacherzählung weglässt, die für das Verständnis der Kernaussage nicht unbedingt notwendig sind.

Mein Sohn hat da eine ganz analytische Herangehensweise und beschränkt sich auf den roten Faden, der nötig ist, um den Höhepunkt zu verstehen. Meine Tochter nimmt so vieles wahr und kann sich kaum kurzfassen, ihr erscheint alles gleich wichtig. Die kleine Schwester erklärt gar noch, dass sie manches aber missverständlich ausgedrückt haben und das Wichtigste für sie an einer anderen Stelle liegt: „Es war ja gar nicht nur die eine Hauptperson dabei, sondern die drei Geschwister ebenfalls!“ „Aber mit denen ist der Kerl ja gar nicht zusammengestoßen, das ist doch unwichtig, wo die waren.“ Meint der Bruder. „Aber die haben dem Typen dann ihre Meinung gesagt, als er den kleinen Bruder beleidigt hat, das ist doch noch entscheidender!“

Im weiteren Gespräch will jeder seine Version der Geschichte zum Besten geben und es artet fast in einen Streit darüber aus, was nun wichtig zu erzählen ist und ob nun dies oder das zuerst erzählt wird, damit der chronologische Ablauf der Handlung stimmt und wie man dann parallel laufende Handlungsstränge nacheinander berichtet.

20070730_144611.JPGMir kommt ein Gedanke: Wir sind mitten in einer Anschauungslektion zum Thema „Warum unterschiedliche Berichte gleichzeitig richtig sein können“. Alle drei haben die gleiche Geschichte gehört, aber jeder hat eine andere Wahrnehmung. So unterschiedlich die Persönlichkeiten, das Temperament, die Interessen und Begabungen der Kinder sind, so unterschiedlich fallen auch die Nacherzählungen der Geschichte aus. Keine ist falsch, jeder setzt andere Schwerpunkte, wenn man alle Berichte zusammen nimmt, bekommt man den besten Eindruck, wie das ganze Kapitel im Buch erzählt wurde.

Gemeinsam überlegen wir, wie das in der Bibel mit den vier Berichten ist, die die Lebensgeschichte von Jesus erzählen. Die vier Schreiber treffen unterschiedliche Entscheidungen, welche Erlebnisse und Reden von Jesus sie erzählen und welche sie weglassen. Auch die einzelnen Geschichten, die von allen berichtet werden, werden unterschiedlich ausführlich erzählt.

Denkt mal an die Auferstehungsgeschichte von Jesus. Da bin ich schon manchmal drüber gestolpert, als ich mich durch die Bibel gelesen habe:
Nicht nur dass unterschiedlich ausführlich erzählt wird, manches scheint sich in den Berichten auch zu widersprechen. (vgl. Matthäus 28, Markus 16, Lukas 24 und Johannes 20)

Wie viele Frauen waren eigentlich morgens am Grab Jesu?
Nicht eindeutig zu sagen, aber jeder Bericht spricht vom ersten Tag der Woche und der Zeit frühmorgens, wo die Sonne aufgeht und dass mindestens eine Frau den Stein weggewälzt sah und das Grab leer war.
Haben ein oder zwei Engel mit den Frauen gesprochen und haben die Frauen gesehen, wie der Stein von einem Engel weggewälzt wurde oder sahen das nur die Soldaten, die Wache halten sollten?
Jedenfalls ist die Engelbotschaft jedes Mal die Gleiche: „Jesus ist nicht hier, er ist auferstanden.“
Wem ist Jesus zuerst erschienen und wo?
Jedes Evangelium berichtet auf jeden Fall, dass er mehreren Personen an verschiedenen Orten erschienen ist, mit ihnen gesprochen hat und außer Markus berichten auch alle davon, dass er einen Körper hatte, anfassbar und fähig, Nahrung zu sich zu nehmen.

Ich möchte hier keine hochtheologisch wissenschaftliche Abhandlung liefern über die verschiedenen Auferstehungsberichte, das können andere besser. Aber ich glaube, unser Streitgespräch am Frühstückstisch zeigt die Richtung an, wie die Unterschiede in den Berichten zustande kommen. Nämlich dadurch, dass jedes der Evangelien von der Persönlichkeit des Schreibenden geprägt ist, jeder die Ereignisse aus seiner Perspektive erzählt und unter dem Aspekt, was ihm besonders erwähnenswert scheint, auch unterschiedliche Zeugen und Szenen ausgewählt bzw. weggelassen hat. Wenn man diese verschiedenen Puzzleteile zusammensetzt, wird man ein ganzes Bild von der Auferstehung Jesu erhalten, und weil die Puzzleteile aus unterschiedlicher Perspektive aufgenommen sind, ergibt das ganze sogar ein 3D-Puzzle. Für ein vollständiges Bild fehlen allerdings eine Reihe Informationen, so dass die Theologen nie sicher werden rekonstruieren können, wie genau die Abläufe waren.

Aber über das Wesentliche herrscht in allen Berichten Einheit: Am ersten Tag der Woche, also am dritten nach der Kreuzigung, war das Grab leer, die erste(n) Zeugen der Auferstehung war(en) (eine) Frau(en) denen ein Engel erklärte, dass Jesus nicht mehr hier ist, sondern auferstanden und mehrere Personen haben den Auferstandenen gesehen, gesprochen und mit ihm gegessen.
Diese Einigkeit im Wesentlichen zeigt mir auch, dass sich die Schreiber nicht nur auf ihre eigene Wahrnehmung verlassen haben, sondern sich auch vom Heiligen Geist haben leiten lassen, als sie ihren Bericht verfassten.

Dass sich die vier Berichte in den Evangelien trotzdem so voneinander unterscheiden, spricht geradezu für ihre Echtheit, unmöglich, dass sie falsch voneinander abgeschrieben haben oder eine gemeinsame Verschwörungstheorie erfunden haben.
Die Nacherzählungen der Gute-Nacht-Geschichte fielen bei meinen Kindern schon am nächsten Morgen sehr unterschiedlich aus, obwohl alle sie korrekt wiedergaben. Die Abweichungen in der Auferstehungsgeschichte muss man also gar nicht darauf schieben, dass man sich Jahrzehnte später falsch erinnert oder Fehler beim Abschreiben gemacht hat.

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Wie unterschiedlich wir Menschen eine Situation wahrnehmen und beurteilen, zeigt sich besonders auch in Konflikten:
Bei einem Streit (unter den Kindern) finde ich es immer wichtig, sich die Sache aus der Sicht von allen Beteiligten erzählen zu lassen – „Was ist denn hier los?“ – , bevor man irgendwie eingreift. Manchmal muss man dann gar nicht mehr vermitteln oder Konsequenzen folgen lassen, weil die Kinder selbst feststellen, dass ihre Sicht zwar nicht falsch, aber nicht die ganze Wahrheit ist und sie finden von selbst einen gemeinsamen Weg. Oft kann man es aber kaum beurteilen, wie der Streit zustande kam und muss gewisse Dinge offen lassen ohne einem Konfliktpartner die Schuld zuzuschieben oder eine Lüge zu unterstellen.

Es ist doch ein Geschenk, dass wir das Leben Jesu von vier verschiedenen Personen mit unterschiedlicher Persönlichkeit aufgeschrieben finden in der Bibel. Wir erhalten dadurch ein viel vollständigeres Bild von Jesus, als wenn wir nur einen Bericht hätten!

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Mit diesem Text nehme ich an der Blogparade #Stolperverse in der Bibel von Daniel von „Der Herr ist mein Hirte“ teil. Vielleicht hast du auch Interesse, über eine deiner Stolperstellen in der Bibel zu schreiben.

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5 thoughts on “Die Auferstehung – Können unterschiedliche Berichte gleichzeitig richtig sein? #Stolperverse

  1. Hallo Jojo, diese Situationen am Tisch mit den Kindern kenne ich auch :-). Und es ist oft gar nicht einfach (oder sogar unmöglich) Verständnis für der Version des jeweils anderen zu wecken. Die Anwendung auf die unterschiedlichen Auferstehungsberichte ist sehr treffend! LG, Daniel

  2. Liebe Jojo! Nachdem ich nun heute auf deinen Blog gefunden habe (dank deines lieben Kommentars) finde ich gleich diesen Bericht, der mich total anspricht. GENAU!- denke ich, Und: Was für ein wunderbares Bild mit dem Geschichtenerzählen deiner Kinder. Esther Maria Magnis schreibt in dem tollen Buch „Gott braucht dich nicht“ über die verschiedenen Berichte der Evangelien:
    „Wenn ich eine Sekte gründen würde, dachte ich, dann würde ich meine Mitglieder schön sauber mit meiner Version einer Geschichte einnorden. Ich würde sagen: So und nicht anders war das… DIe Bibel war anders. Da stand die Geschichte von Jesus, und das war auch ästhetisch und buchmachermässig extrem schräg, viermal nebeneinander. WIe Zeugenaussagen bei einem Unfall. Das war ein Umgang mit der Wirklichkeit, den ich mochte. Das war irgendwie – echt. Wer sich an den Glauben, an diesen Jesus, herantastet, bekommt keinen FLyer mit einem Siebenpunkteplan, sondern der wandert durch Perspektiven. Der umkreist viermal das größtr Geheimnis.“
    Wunderbar, oder? Und wir umkreisen weiter mit unseren Worten dieses Geheimnis. Wünsche Dir dafür weiterhin viel Freude und Mut!!! Deine Stimme ist einzigartig. Liebste Grüße! Christina

    1. Liebe Christina, schön, dass du hier vorbeigeschaut hast, herzlich willkommen! Und vielen Dank für deinen lieben Kommentar und das wunderbare Zitat, eine super Ergänzung. Stichwort “Umkreisen”: Ich hab mal gelernt, dass das die hebräische bzw. orientalische Herangehensweise an ein Thema ist, während unser westlich wissenschaftliches Denken eher logisch geradelinig ist, von den griechischen Philosophen geprägt. Das erklärt so einige Missverständnisse beim Bibellesen. Ganz liebe Grüße, Jojo

  3. So, nun hab ich es mal gelesen und gleich noch ein wenig rumgestöbert. Schön hast du es hier, warmherzig und klug. Danke für die Einladung in meiner Kommentarleiste- ich schau gerne wieder hier vorbei. Liebe Grüße und ein Segen und Sonnenreiches Wochenende wünscht dir Sandra

    1. Liebe Sandra, danke für deinen lieben Kommentar, herzlich Willkommen hier! Viel Segen und Sonne zum Genießen mit deiner Familie an diesem langen Wochenende wünsche ich dir auch, liebe Grüße, Jojo

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