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Unser Familienversöhnungstag

Es war wieder einmal Sand im Familiengetriebe zu spüren. Wie oft passiert das nicht? Man weiß gar nicht mehr, womit es angefangen hat, aber ich sehe, wie jeder so seine Art anwendet, damit umzugehen: sich zurückziehen, laut werden, klammern, gehässig reden, grob werden, verletzend werden, sich verweigern, überempfindlich reagieren, rebellieren usw., und so setzt sich ein Kreislauf in Gang, aus dem es nicht so leicht ist auszusteigen.

In dieser Situation musste ich wieder daran denken, was ich als 18jährige zum höchsten jüdischen Feiertag, nämlich Jom Kippur, dem Versöhnungstag, in Israel erlebt hatte:
Unser israelischer Reiseführer sprach sehr gut Deutsch, denn seine Familie hatte bis zur Nazizeit in Deutschland gelebt. Obwohl sie viel Leid im Holocaust erfahren hatten, hatte unser Reiseführer den Deutschen bewusst vergeben und führte nun mit großem Einsatz deutsche Gruppen durch sein Land um einen Beitrag zur Völkerverständigung und Versöhnung zu leisten.
Aber an dem Morgen von Jom Kippur erklärte er uns beim Frühstück, dass er an diesem Tag nicht für uns da sein könne. Er müsse noch einmal zu seinem Bruder quer durchs ganze Land reisen, um eine Sache mit ihm ins Reine zu bringen. Bevor man am Versöhnungstag Gott um Vergebung bitten kann, muss man auch selbst seinen Mitmenschen vergeben bzw. Schuld bereut haben. Rechtzeitig zum Beginn des Feiertages am Abend, bevor sämtlicher Verkehr zum Erliegen kommt, wollte er dann zu Hause bei seiner Familie sein können.
Mich hat das sehr beeindruckt. Man ruft nicht nur kurz an, spricht zur Not auf den Anrufbeantworter oder schreibt ein paar Worte, sondern sucht das direkte Gespräch und besiegelt die Versöhnung mit einem Handschlag oder einer Umarmung, koste es, was es wolle.
Es erinnert mich auch an das, was Jesus den Jüngern mit dem Vaterunser auf den Weg gab:

„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“
Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben. (Matthäus 6,12.14-15)

Am Feiertag selbst kommt im jüdischen Teil des Landes das ganze öffentliche Leben zum Erliegen, es darf nicht gearbeitet werden. Man feiert in der Familie und in der Synagoge mit einem langen Festgottesdienst, fastet und betet. (vgl. Gottes Anweisungen zum Versöhnungstag in 3.Mose 23,26-32). So macht man sich von allem frei, was stört, um einen Tag lang in der Stille über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nachdenken und Kurskorrektur vornehmen zu können. Man gesteht Schuld ein, bittet Gott um Vergebung und um einen Neuanfang.

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So einen Tag bräuchten wir mal für die Familie, um den negativen Kreislauf von Schuld und Versagen zu durchbrechen, um alles, was sich im Alltagsgefecht so ansammelt an ungeklärten Dingen, loszuwerden! (Der Buß- und Bettag, der vom Sinn her diesem Versöhnungstag am nächsten kommt, ist bei uns ja schon längst als offizieller arbeitsfreier Tag gestrichen worden.)
Man denkt so viele “man müsste mal…”. Diesmal habe ich es auch gleich umgesetzt und wir haben einen Familienversöhnungstag gefeiert:

  • Es gab einen etwas schöner gedeckten Abendbrottisch als sonst, eine Kerze muss auf jeden Fall dabei sein.
  • Beim Essen habe ich angesprochen, dass nach meinem Empfinden Sand im Familiengetriebe ist und manches im Miteinander in letzter Zeit nicht gut gelaufen ist und habe den Kindern von meinen Jom Kippur- Eindrücken erzählt.
  • Nach dem Essen haben wir ein Kreuz zu der Kerze in der Mitte gelegt als Zeichen für Jesus und seine Vergebung, und dann durfte jeder für das, was ihn beschwert, einen Stein zum Kreuz legen oder für etwas, das erfreut hat, ein Teelicht anzünden. Es war freiwillig, ob man etwas dazu sagen wollte, in der großen Runde, einem anderen unter 4 Augen oder gar nicht. Je nach Temperament und Alter begannen die einzelnen erst zögerlich, dann aber immer aktiver Stein um Stein abzulegen und Lichter anzuzünden – und zu erzählen. Selbst unser knapp 2jähriger war voll dabei. Wenn er auch nicht wirklich mitreden konnte, sah man ihm an, dass ihn die Atmosphäre berührte und er wahrnahm, dass hier etwas Besonderes stattfand.
  • Ein Gebet, das ich in einer Kirche auf der Halbinsel Eiderstedt entdeckt habe, war die Anleitung für unser Tun:

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Mit diesem Lastenabladen bei Jesus und dem Entschluss zur Vergebung fing der Versöhnungstag an. Wie bei den Juden, wo ein Feiertag vom Abend bis zum Abend geht, wollten wir uns auch am nächsten Tag noch um Versöhnung bemühen. Es war gut, über manches nochmal schlafen zu können. Der Abend hatte für weitere Gespräche eine gute Atmosphäre geschaffen.

Den folgenden Abend haben wir mit einem Lieblingsessen gefeiert und den Tag nochmal Revue passieren lassen.
Es hat sich etwas verändert im Miteinander, in der Einstellung zueinander, der Sand ist weg, das Familiengetriebe läuft wieder besser.
Ja, es gab auch schon wieder neuen Streit. Aber da haben uns die Worte, die Jesus bei der Fußwaschung mit Petrus wechselte, ermutigt:
Petrus fühlte sich nämlich nicht würdig, dass Jesus ihm die Füße wäscht, er hätte wohl lieber Jesus die Füße gewaschen.

»Nein«, protestierte Petrus. »Du sollst mir niemals die Füße waschen!« Jesus erwiderte: »Wenn ich dich nicht wasche, gehörst du nicht zu mir.« Da rief Simon Petrus: »Dann wasche mir auch die Hände und den Kopf, Herr, und nicht nur die Füße!« Jesus erwiderte: »Wer gebadet hat, braucht sich – ausgenommen die Füße – nicht zu waschen, um völlig rein zu sein. Ihr seid rein.« (Johannes 13,8-10)

Jeder, der an Jesus glaubt, ist einmal völlig sauber gewaschen worden – gebadet – worden, Jesu Vergebung hat ihn so rein gemacht, dass er zu Gott gehören kann.

(Für Größere: Titus 3,4-5: „Aber dann erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Retters. Wir selbst hatten keine guten Taten vorzuweisen, mit denen wir vor ihm hätten bestehen können. Nein, aus reinem Erbarmen hat er uns gerettet durch das Bad der Taufe (Urtext: „Wiedergeburt“) – das Bad, in dem wir zu einem neuen Leben geboren wurden, erneuert durch den Heiligen Geist.“)

Aber es ist normal, dass man sich die Füße schmutzig macht, auch als Christ. Ich finde das sehr tröstlich. Ich weiß nicht, ob ihr jeden Abend allen die Füße wascht? Damals in Israel war das wie Hände waschen vor dem Essen. Man war barfuß oder nur mit Sandalen auf staubigen Straßen unterwegs und „legte“ sich so zu Tisch, dass dreckige Füße neben der Nase des Nächsten sehr unangenehm gewesen wären.

Eigentlich sollte man jeden Tag Vergebung und Versöhnung suchen, wenn etwas vorgefallen ist. Wenn einmal der Anfang gemacht ist, ist das auch wieder leichter.
Leider sammelt sich dann doch irgendwann wieder so einiges an, dessen Klärung im Alltag untergegangen ist.
Die Kinder waren sich einig, dass dieser Familienversöhnungstag richtig gut tat und wann immer nötig auch mehrmals im Jahr wiederholt werden sollte. Das freut mich sehr und deshalb hab ich es mir gleich aufgeschrieben, um es nicht zu vergessen.

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Und wie ist das bei dir? Kennst du auch diesen Sand im Familiengetriebe und wie geht ihr in eurer Familie damit um?

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10 thoughts on “Unser Familienversöhnungstag

  1. Liebe Jojo, danke, dass du dieses Erlebnis mit uns teilst. Es berührt und inspiriert mich sehr. Und auch die Aussage, dass es normal ist, dass wir uns als Christen die Füsse immer wieder schmutzig machen, ist tröstlich und freisetzend. Ich möchte das auch einmal ausprobieren. Vielen Dank nochmals und herzliche Grüsse! Sonja

    1. Liebe Sonja, das freut mich sehr, vielen Dank für dein Feedback.
      Ja, das befreit mich auch sehr, zu wissen, dass ich Gottes geliebtes und gerettetes Kind bin und bleibe, auch mit dreckigen Füßen, und er selbst sie mir gerne wieder abwäscht, wenn ich sie ihm hinhalte, und dass ich Fehler machen darf auf dem Weg ihm ähnlicher zu werden. Liebe Grüße, Jojo

  2. Eine tolle Idee, und auch schon für kleine Kinder sehr anschaulich und gut umzusetzen. Danke fürs teilen, muss ich mir merken… Gerade jetzt vor Ostern, wäre sich als Familie gegenseitig die Füße zu waschen eine tolle Aktion… Liebe Grüße Rebecca

    1. Gerne, ich freue mich über Nachahmung. Ich hab mir auch schon überlegt, ob wir das Füße waschen dieses Jahr nicht auch in unser Gründonnerstagsabendessen integrieren.

  3. […] Hier noch eine Blog-Empfehlung zu einem Familienblog, den ich total gern lesen: Jojo berichtet auf „Vollkommen besonders“ vom Alltag mit einem besonderen Kind und vom Leben in einer besonderen Familie – sie hat nämlich auch eine Großfamilie mit fünf Kindern 🙂 Hier teilt sie eine schöne Idee für Familien, ihren „Familienversöhnungstag“. […]

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