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Erinnerungen zum Schulanfang

Unsere Große liebt Fotoalben, vor allem solche, wo sie sich selbst und ihr Größerwerden betrachten kann. Also war mir ihre Einschulung Anlass genug, ein Fotoalbum über sie zu gestalten, von der Geburt bis zur Einschulung.

Beim Raussuchen der Fotos und Formulieren der Texte war es für mich, als würde ich ihre gesamte Entwicklung noch einmal im Zeitraffer miterleben und auch alle Muttergefühle all der Jahre kamen zurück und nahmen mich auf eine Achterbahnfahrt mit.

Im ersten Jahr lernen Kinder ja angeblich so viel in kürzester Zeit wie nie mehr in ihrem Leben, da kann man eine Menge Fotoalbenseiten füllen. Am längsten habe ich für dieses erste Jahr gebraucht, aber eben nicht, weil da am meisten zu berichten war, sondern weil darin am wenigsten passiert ist. Da möchte man gerne schreiben vom ersten Krabbeln, Sitzen, Stehen, vielleicht sogar Laufen. Vom Plappern, ersten Worten, Reden mit Händen und Füßen, Türme bauen und Umwerfen, unsicher machen der Wohnung und dergleichen, aber nein, all das war noch nicht da.

Gleichzeitig führte unsere Jüngste mir den Unterschied zwischen Entwicklung normalerweise und Entwicklung besondererweise gerade so deutlich vor Augen, dass es in der Erinnerung schmerzte. Was sie mit ihrem jetzt gerade einem Jahr alles kann, das haben wir auch an dem 2. Geburtstag der Großen noch nicht alles bestaunen können. Das hat viel Geduld gekostet. Aber umso mehr haben wir uns über jeden einzelnen winzigen Fortschritt gefreut.

Mit den weiteren Jahren kam dann aber das Staunen und die Freude zurück beim Album Zusammenstellen: Was kann sie jetzt nicht alles, was nach den ersten 2 Jahren kaum jemand erwartet hatte? Wie viel Selbständigkeit haben wir erkämpft, wie gut können wir kommunizieren! Sie braucht vielleicht in vielem die doppelte Zeit für ihre Entwicklung, aber sie ist trotzdem keine 3Jährige, sie ist aber auch keine 6Jährige. Sie ist nicht wie unsere 5Jährige, unser 3Jähriger oder unsere Jüngste. Sie stellt uns vor Herausforderungen besonderer Art und bereichert uns besonders. Ich stelle einfach fest, dass sie unvergleichlich ist, unsere Große.

Die Einschulung war ein großer Lebensabschnitt, aber vielleicht kein so großer wie für manch anderen.

Es war für mich damals beim Kindergartenstart viel schwieriger, mein noch so unselbständiges gut 3jähriges Mädchen für ein paar Stunden in den Kindergarten zu geben, Stunden, von welchen ich nie erfahren würde, wie sie sich gefühlt hat, bei dem was sie erlebt hat, wo ich auch kaum erfahre würde, was sie erlebt hat, weil sie mir gar nichts mitteilen kann. Da fällt es mir leichter, meine jetzt schon viel selbständigere Tochter in die Schule zu schicken, zumal sie dort ein Klassenteam aus sehr netten, kompetenten und engagierten Lehrern hat und eine relativ kleine Klasse und ein Schulkonzept, das erprobt ist, und besser zu uns passt, als das, was wir sonst noch kennengelernt haben.

Gedanken, wie sie mit dem Unterricht zurechtkommt und ob sie gut mitkommt, muss ich mir nicht machen, weil es sowieso klar ist, dass es für sie nicht darum geht, das Klassenziel zu erreichen, sondern das, was für sie möglich ist ohne jeden Druck.

Bis zum Tag der Einschulung wollte unsere Große nicht viel von all dem wissen, Schule interessierte sie nicht, weil sie sich nichts darunter vorstellen konnte, erst die Aussicht darauf, dass Schule etwas mit Lesenlernen zutun hat, rief ein Lächeln auf ihre Lippen.

Ich freue mich, dass sie jetzt so gerne zur Schule geht, wie sie sich auch das neue Fotoalbum anschaut.

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2 thoughts on “Erinnerungen zum Schulanfang

  1. Liebe Jo-Jo, das berührt mich so. Da ist so viel Liebe zu spüren. Mehr Liebe als Sorge. Während ich bei meinen besonderen Kindern immer wieder darum kämpfen muss, dass Diagnose und Therapie, Versorgung, Förderung, Fürsorge und Sorge meine Liebe nicht überlagern.
    Besonders hat mich der Satz getroffen, dass es nicht darum geht, dass sie das Klassenziel erreicht, sondern das was für sie möglich ist ohne Druck. Das ganze System ist so ausgelegt, dass automatisch Druck entsteht und wir als Eltern wollen dagegen steuern und lassen uns dennoch immer wieder dazuverleiten selbst Druck auszuüben. Mir geht es zumindest so. Ich will doch das Beste für meine Kinder. Die besten Zukunftsmöglichkeiten. Aber es sollte für alle Kinder darum gehen, dass sie in der Schule so viel schaffen, wie für sie möglich ist und nicht so viel, wie ihnen das System vorschreibt. Denn auch die Bibel sagt, dass wir unser Bestes geben sollen. Aber nicht mehr. Nirgends wird von uns Erfolg oder Leistung erwartet. Wir müssen es beruflich nicht weit bringen und auch nicht zu viel Geld kommen.
    Das möchte ich meinen Kindern vermitteln. Wir wollen unser Bestes für Jesus geben und er macht dann das Beste für unsere Zukuft daraus.

  2. Liebe Eveline, vielen Dank für deinen lieben und ausführlichen Kommentar.
    Dein letzter Satz bringt es super auf den Punkt, danke! Nein, Gott erwartet von uns nicht mehr als wir können, nur das wir die Gaben, die wir haben, benutzen. Mir schwebt schon ein weiterer Artikel zu dem Thema seit einiger Zeit im Kopf herum, mal sehen, wann er in die Tasten kommt. Vielleicht kennst du diesen Artikel schon? https://www.vollkommenbesonders.de/2010/02/abi-2024/ da ging es auch ums Thema, welche Leistung wir von unseren Kindern erwarten.
    Liebe Grüße, Jojo

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