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Wunschkind – Frieden über Gottes Plänen für mein Kind finden

Brief an mein besonderes Kind

Als ich fühlte, wie du in meinem Bauch heranwuchst, träumte ich davon, was ich einmal gemeinsam mit dir tun wollte: Auf einem Kletterbaum picknicken, mit Schlittschuhen über einen zugefrorenen See kurven, im Kanon singen, bei einer Tasse Tee über Gott und die Welt reden, Einradfahren üben, mathematische Knobelaufgaben lösen, philosophische und theologische Fragen erörtern, eine Hüttentour machen und einen Klettersteig begehen, klassische Kammermusik zusammen spielen, das gleiche Buch lesen und sich darüber austauschen, durch einen sommerwarmen See schwimmen, im Konzert sitzen und über die Musik fachsimpeln oder verrückte Wortspiele erfinden…
Ich stellte mir vor, dass die Chancen nicht schlecht stehen, dass du an denselben Dingen Spaß haben würdest, da du ja die Gene von mir und deinem Papa hast.
Ich wollte dir gerne mitgeben, was mir wertvoll und wichtig geworden war, was ich für gut und schön hielt und welches Wissen und welche Erfahrungen hilfreich für deinen Lebensweg sein könnten, damit du ihn selbständig meistern könntest.
Aber ich wollte dich nie zu einem Weg zwingen, der nicht zu dir passen würde, nur weil er mal mein Traum war und mir verwehrt geblieben ist oder weil es zu unserer Familie „passen“ müsste.
Und dann kamst du zur Welt. Als die Hebamme dich mir auf den Bauch legte, fühlte ich ein großes Glück und schloss dich noch tiefer in mein Herz, als du es schon warst, seit ich deine Bewegungen in meinem Bauch spüren konnte. Gleichzeitig machten sich aber Sorgen bemerkbar: Ist alles in Ordnung mit dir? Ich hatte das unbestimmte Gefühl, dass du irgendwie anders warst, schon während der Schwangerschaft hatte ich dieses Gefühl bisweilen gehabt, aber ich hatte ja keinen Vergleich, ich war ja das erste Mal schwanger.
Alle in meinem Umfeld beschwichtigten meine Gedanken und redeten mir zu, ich solle nicht gleich überängstlich und hypersensibel werden, nur weil ich gerade Mutter geworden bin.
Aber alle ehrlichen Beobachter merkten auch, dass du dich nur sehr langsam und schwer von einem zum nächsten Entwicklungsschritt weiterbewegtest. Die allermeisten Spiele und Vorlieben, für die sich Babys gewöhnlich begeistern, interessierten dich nicht. Nur dein Lächeln schenktest du jedem gerne. Schließlich, du warst zwei Jahre alt, urteilten auch die Ärzte, dass du nicht nur ein Spätzünder bist, sondern dich mit einer ernsten Entwicklungsstörung auseinandersetzen musst.
Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht einmal, ob du je richtig laufen und sprechen lernen würdest, trockenwerden könntest und deinen Alltag einmal selbständig bewältigen könntest.
Ich saß mit tränennassen Augen vor dem Bildschirm und las, was ich für Informationen über die von den Ärzten für möglich gehaltenen Syndrome finden konnte. Die Bandbreite reichte von leicht lernbehindert bis schwerstmehrfachbehindert (geistig, körperlich und sozial bzw. seelisch).
Alle Träume für uns zerflossen mit diesen Prognosen. Enttäuschung, ich hatte dir ein anderes Leben gewünscht – und irgendwie auch mir.
Warum? Warum sollte es nicht so sein? Was war der Grund für deine Entwicklungsstörung? Ein Vorfall in der Schwangerschaft, bei der Geburt, hatte ich mich falsch verhalten? Eine Stoffwechselstörung, der man abhelfen könnte, eine genetische Ursache, eine Spontanmutation oder unbewusst vererbt?
Ich wollte es so gerne herausfinden, um dir besser helfen zu können, um zur Ruhe zu kommen, um zu erfahren, ob das Risiko besteht, dass Geschwister von dir oder Kinder unserer Geschwister mit der gleichen Entwicklungsstörung geboren werden können.
Doch keine der Vermutungen bestätigte sich, bis heute haben wir keine Diagnose.
Ich habe gelernt, dass ich mir keine Vorwürfe zu machen brauche, weder ich noch eine andere Person sind Schuld, auch wenn man so gerne jemanden dafür verantwortlich machen würde. Gott, warum hast du zugelassen, dass mein Kind diese Entwicklungsstörung hat?
Gibt es einen Sinn in dem Ganzen? Ich habe viele Gefühle in die Klaviertasten gehämmert und Gedanken in die Tastatur meines Notebooks getippt. im Grunde war ich davon überzeugt, dass Gott nichts zulässt, was schlecht für mich ist, und dass er uns helfen wird, mit der neuen Situation umzugehen. Ich spielte auf dem Klavier: „Du bist gut, Herr, wahrhaft gut, Herr, darum hoffe ich fest auf dich.“, bis ich wieder mitsingen konnte, „Du bist gut, Herr, machst mir Mut, denn deine Treue lässt mich nicht im Stich. Du bist der Halt und der Sinn meines Lebens, drum setze ich all mein Vertrauen auf dich. Wer auf dich hofft, der hofft niemals vergebens, ich seh’s und begreif es doch nicht…“
Wir stellten uns der Situation und machten neue, andere Zukunftspläne.
Familie bekam für uns einen neuen Stellenwert, wurde noch wichtiger als vorher. Wir lernten es schätzen, wie man sich gegenseitig tragen aber auch bereichern kann, viel besser als irgendein Sozialsystem. Dein Besonderssein schweißte uns noch mehr zusammen.
Ich habe keine Antwort auf die Warum-Fragen, aber auf das Wozu ist dein Name selbst die Antwort. „Gott ist vollkommen“, bedeutet er, und alles was er tut, ist vollkommen gut. Es hat einen Sinn, dass du hier auf Erden so bist, wie du bist. Auch wenn ich ihn noch nicht verstehe. Und wenn wir beim himmlischen Vater sein werden, dann wirst du so vollkommen sein, wie er dich ursprünglich gedacht hat. Als mir das klar geworden war, bekam ich Frieden über unserer neuen Lebenssituation.
Ich freue mich über die vielen Entwicklungsschritte, die du schon gemeistert hast, und wünsche dir, dass du mit Gottes Hilfe noch viel mehr davon gehen wirst, als man dir zutraut.
Ich wünsche dir aber vor allem, dass deine Fröhlichkeit und dein Leben eine Bereicherung für viele sein mögen.

Ist dein Kind auch besonders?

Diesen Text von Roland Paul Lange hat uns jemand zur Geburt unserer Tochter geschenkt, er ist absolut passend und wahr:

Du bist gut, Du bist richtig,
so wie Du bist, hat Gott nur Dich gemacht.
Du bist toll, Du bist wichtig,
mit dir hat Gott sich was Besondres ausgedacht.

 

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