Besondere Kinder, Erlebt

Wie ungerecht!

Es ist doch wirklich eine schreiende Ungerechtigkeit, wie viele tolle Dinge (= sogenannte Hilfsmittel) und sonstige Hilfen unsere große Tochter bekommt, nur weil sie ein besonderes Kind ist – findet unsere kleine Tochter und sorgt damit zuweilen für schreiend komische Behelfsmaßnahmen, um die Gerechtigkeit wieder herzustellen.

Die Große darf zum Beispiel eine Brille tragen. Ich wäre als Kind zwar froh gewesen, wenn ich keine gebraucht hätte! Aber wenn sich die Einstellung anderer Kinder dazu so ändert, dass man sogar um eine Brille beneidet wird, freut mich das direkt für meine Große. Meine Kleine fiebert jedenfalls immer Sonnentagen entgegen, an denen man eine Sonnenbrille tragen kann, damit sie endlich auch etwas auf die Nase setzen darf.

Die Große hat außerdem einen Talker, (also eine elektronische Kommunikationshilfe mit bebilderten Tasten und Sprachausgabe). Ein absolut tolles Spielzeug, findet unsere Kleine, und kann eigentlich richtig froh sein, dass die Große an diesem Ding leider überhaupt kein Interesse zeigt bisher, denn so kann sie damit täglich hantieren – und vielleicht guckt sich auf diese Weise unsere Große dann doch irgendwann den Umgang mit dem Ding bei der Kleinen ab.

Die Große kriegt sogar einen eigenen Babysitter. Und hierbei finde ich es selbst schwer verständlich, warum dieser von den amtlichen Vorgaben her nicht auch mit den anderen Kindern spielen darf. Das finden die Kinder unverständlich, das bringt mir nicht die beabsichtigte Entlastung (Wie soll ich eine entspannte Pause machen können als Ausgleich für die zeitintensive „Pflege“ und Beaufsichtigung meiner Großen, wenn ich mich gleichzeitig doch um die anderen zwei kümmern soll?) und ist schlicht und einfach auch nicht umsetzbar, höchstens teilweise. (Wie könnte man in einem Zimmer mit nur einem von drei Kindern spielen? Sollte ich die anderen dann aus ihrem Zimmer schicken?)

Die Große hat zudem einen besonderen Kinderautositz, mit aufblasbarer Kopfstütze und integriertem MP3-Player-Kabel samt Kopfhörern. Schnickschnack, den wir nie benutzen und auch gerne darauf verzichtet hätten, wenn es denn eine andere preiswertere Variante mit dem speziellen Gurtsystem gegeben hätte. Genauso wie ich beim Anschnallen auch gerne auf den doppelt und dreifachen Gurtsalat verzichten würde. Aber weil der Sitz so spannend ist, darf die Kleine auch mal drin sitzen, wenn die Große nicht mitfährt.

Nicht zuletzt hat die große Schwester extra Einlagen für ihre Schuhe. Abgesehen davon, dass sie beim Laufen wirklich hilfreich sind, treiben sie mir auch regelmäßig den Schweiß auf die Stirn, wenn sie bei jedem Schuhwechsel von einem in den nächsten Schuh mitgewechselt werden müssen, genauso wie beim Schuheinkauf, wo wir jedes Mal erst eine Reihe Läden durchforsten, bis wir ein Paar Schuhe gefunden haben, in das außer der Einlagen auch noch ein Paar Kinderfüße passen, bzw. ein paar Sandalen, in denen die Einlage bleibt, wo sie sitzen soll.
Aber in dieser Angelegenheit hat sich unsere Kleine nun selbst beholfen. Ich war schon etwas verärgert, weil sie trotz mehrmaligem Ermahnen so hartnäckig mit dem Inhalt meiner Schublade mit allem, was Frau so monatlich für die Hygiene braucht, spielen wollte. Als wir uns dann am Nachmittag für einen Spaziergang anzogen, präsentierte sie mir ganz stolz ihr Paar Schuhe: „Guck mal, Mama, ich hab jetzt auch Einlagen, mit pinken Blumen drauf!“ Ja mein Mädchen, dass das Einlagen sind, hast du ganz richtig erkannt, allerdings keine für Schuhe!

Um die Hilfsmittel, die Benachteiligung ausgleichen sollen, und die Möglichkeit sie zu bekommen, ohne dass es uns viel kostet, bin ich sehr froh, da sie wirklich hilfreich sind für unsere Große. Für beneidenswert halte ich meine Große deswegen aber eigentlich nicht, denn noch besser wäre es, wenn wir darauf und auf die zeit- und nervenraubende Antragstellerei bzw. Anpasserei verzichten könnten. Allerdings sehe ich es als Privileg, dass es in unserem Land solch eine gute Versorgung mit Hilfsmitteln gibt (Bei allen Schwierigkeiten und Verschlechterungen, was das betrifft – in nicht vielen anderen Ländern können besondere Kinder das alles bekommen.)

Bei allem Schmunzeln über die Das-will-ich-auch-haben-Haltung unserer kleinen Tochter und über die sich daraus ergebenden komischen Lösungen gibt mir das Ganze auch immer wieder zu denken, wie ich erreichen kann, dass sich unsere anderen beiden Kinder nicht benachteiligt fühlen, weil die Besondere besonders viel Zeit und besondere Dinge bekommt. Es wäre ungerecht, alle gleich zu behandeln, aber genauso ungerecht, wenn nur sie Extrawürste bekommt.

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