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Rückspiegel – ehrlich ist nicht dumm

Zum Glück gibt es Momente, in denen man erlebt, dass der Ehrliche nicht der Dumme ist. Und ich finde es gar nicht dumm, mich daran manchmal zu erinnern. Zum Beispiel an dieses Erlebnis:

Kurz vor den Sommerferien fuhr ich um die Mittagszeit mit meinen beiden Töchtern im Auto fröhlich nach Hause, durch einen Ort, der für seine schmale Hauptstraße berüchtigt ist. Schon oft stand ich den Gegenverkehr abwartend hinter parkenden Pkws, aber an diesem Tag fuhren alle Pkws vor mir unverdrossen zwischen den parkenden Autos und den entgegenkommenden Fahrzeugen davon und so hängte ich mich mit unserem Geländewagen ebenfalls an die Kolonne. Und plötzlich gab es neben mir einen heftigen Knall. Als ich mir durch einen Blick in den rechten Außenspiegel einen Überblick über die Lage verschaffen wollte, dämmerte es mir: Der Spiegel zeigte zweimal eingeklappt auf die Fensterscheibe der Beifahrertür. Ich hielt nach einigen Metern an, bemerkte nichts und niemanden Auffälligen auf der Straße und richtete erst einmal meinen Spiegel wieder zurecht. Er war weder kaputt noch zerkratzt, es hat doch wirklich seinen Vorteil ein so robustes Auto zu fahren, andererseits hätte ich mit einem Auto von kleinerem Format erst gar kein Spiegelproblem gehabt! Während ich noch mit dem Spiegel hantierte, kam ein netter Mann auf mich zu, der mir ein zerbrochenes Spiegelglas hinhielt. Damit war klar, was ich befürchtet hatte: Ich war zwar heil davongekommen, aber irgendjemand anderes nicht! Nein, es war nicht sein Auto, er hatte mich nur von seinem Kiosk aus beobachtet und wollte mir helfen. Als er merkte, dass das Spiegelteil nicht von mir war, versenkte er es kurzerhand in der nächststehenden Mülltonne mit dem stummen Impuls: „Fahr weiter, keiner hat was gemerkt“. Einen Augenblick lang fand ich das einen sehr verlockenden Gedanken. Dann siegte aber zum Glück der Gedanke „Was du willst, das dir die Leute tun sollen, das tue ihnen auch.“ Ich biss in den sauren Apfel und suchte das zum Spiegel gehörende Auto und den dazugehörenden Besitzer.

Es war dumm gelaufen, also versuchte ich an dem zerbrochenen Rückspiegel wenigstens noch etwas Positives zu finden. Im Rückblick kamen mir so langsam einige Aspekte:
Wie gut, dass es nur ein Rückspiegel war, und auch nur einer eines ollen VW-Busses von einem Bauunternehmen, nicht ein ferngesteuerter und beheizbarer in einem hochglanzlackiertem Gehäuse an einem Luxusschlitten.
Wie gut, dass ich den Wagenbesitzer nicht in irgendwelchen Läden, Arztpraxen oder Wohnungen suchen musste, sondern ihn gleich auf der Baustelle daneben fand.
Wie gut, dass meine kleine Tochter die Angelegenheit seelenruhig verschlafen hat und ich mit nur einem Kind auf dem Arm den Schaden mit den Bauarbeitern besprechen konnte.
Und wie gut, dass die Mülltonne fast voll war und ich mit einem schnellen Griff den zertrümmerten Spiegel „retten“ und den erleichterten Bauleuten geben konnte, die sich schon Gedanken machten, wie sie mit Anhänger und ohne linken Seitenspiegel den weiten Heimweg bewältigen sollten – besser ein zersprungenes Spiegelglas als gar keins!

Ja, und noch etwas Gutes: Ich werde mir jetzt hoffentlich merken, nur weil andere mit einer Sache gut klarkommen, ist das noch lange nichts, das ich selbst nachahmen müsste. Und es muss keine Dummheit, Unfähigkeit oder Feigheit sein, andere Entscheidungen als die Mehrheit zu treffen. (Z.B. Hinter parkenden Autos lieber zu warten, bis der Gegenverkehr vorbei ist und überhaupt…!)

Man sieht es im Rück-Spiegel-Blick.

Soweit so positiv gesehen wie möglich.

Eine Woche später klingelte bei uns das Telefon: „Bauunternehmen Soundso, guten Tag. Ich rufe noch einmal an wegen dem zerbrochenen Rückspiegel.“ –  Ach ja, ich hatte gehofft, dass wir die Rechnung für den zerbrochenen Rückspiegel noch in dieser Woche zugeschickt bekämen, damit wir die Angelegenheit noch vor unserem Urlaub abschließen könnten. – Aber die nette Sekretärin redete gleich weiter: „Die Angelegenheit hat sich für Sie jetzt erledigt.“ Wie bitte? Ich äußerte irgendwie ungläubiges Erstaunen und daraufhin erklärte sie mir, dass eine Stunde nach mir noch einmal jemand gegen den Rückspiegel gefahren sei, und dieser hätte ihn komplett abgebrochen. Da müsste ich nun auch nicht mehr für das Spiegelglas zahlen! Ich wusste gar nicht so schnell, was ich dazu sagen sollte, freute und bedankte mich und sie wünschte mir noch einen schönen ruhigen Urlaub.

Jetzt noch muss ich schmunzeln über die ganze Angelegenheit. Es wäre sehr schade gewesen, wenn mir dies alles entgangen wäre, weil ich einfach weitergefahren wäre.
Was soll ich sagen? Ich glaube, bei Gott ist der Ehrliche nicht der Dumme. Da habe ich mich durchgerungen in seinem Sinne zu handeln, prompt handelt er für mich, und das mit Humor. Das motiviert mich für‘s nächste Mal.

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