Besondere Kinder, Erlebt, Familienleben

Plädoyer für elternfreundliche Kindersitze

Nachdem ich nun einen Monat lang zweimal täglich trainiert habe, das regelmäßige nachmittägliche Zusatztraining nicht mitgerechnet, glaube ich mich langsam bewerben zu können – für „Schlag den Raab“ zum Beispiel. Meine Disziplin heißt: „Große Tochter in Begleitung der beiden kleinen Geschwister zur Kita bringen bzw. wieder abholen.“ Mein Training konzentriert sich dabei auf den langwierigsten Teil der Fahrt.

Es geht los:
Vier Personen Schuhe, Jacken, Schal und Mützen anziehen oder dabei helfen, dabei diplomatisch und pädagogisch sinnvoll den unterschiedlichsten Farb-, Kleidungsstück- und Selbständigkeitswünschen begegnen.
Den Jüngsten schon mal in sein Babysafe schnallen: Ein Gurt links, einen rechts, Schnallen zusammenpuzzeln, ins Schloß stecken, Decke drüber, Griff hochklappen, bei Bedarf Regenhaut drüber spannen.
Alle man vor die Haustür befördern und mit 3kg Babysafe plus 9,5kg Kind an einem Arm, einem weiteren Kind am Griff des Babysafes und dem dritten Kind am anderen Arm, zusätzlich irgendwo noch Handtasche und / oder Wickeltasche, Einkaufskorb und Klappbox 100m bis zum Parkplatz trippeln, dabei möglichst schnell und vollständig an diversen tollen Laubhaufen, meistens auch Pfützen, unzähligen  Stolperfallen à la Gullideckel, verlockenden Gartentoren und dem Spielplatz mit Wippen, Sandkiste und Schaukel vorbeikommen.

Schwierigste Wegstrecke geschafft? Weit gefehlt, das waren nur die Aufwärmübungen, denn jetzt geht es richtig los: Kinder ins Auto befördern und ANSCHNALLEN.
Erstes Kind: Babysafe ins Auto hiewen, Gurt in einen Führungsschlitz stecken, über den Sitz spannen, in den zweiten Schlitz, Babysafe schrägstellen, um zwischen den Kindersitzen das Gurtschloss erreichen zu können, die Schnalle arretieren. Dann den Gurt ausziehen, den Safe ankippen um den Gurt hinten um die Babyschale herumzuschlingen, dabei in den Clip am Safe wurschteln und Schale geraderücken. Aber Vorsicht, wer den Gurt voreilig bis zum Anschlag auszieht und auch nur ein paar Zentimeter nachlässt, darf alles wieder rückgängig machen und von vorn beginnen, da der Gurt sonst nicht mehr zu erforderlicher Länge ausziehbar ist, um einmal um den Sitz herumzukommen.

Dann das zweite Kind: Falls es immer noch nicht in den Sitz geklettert ist, mit einem rückenschonenden Griff und dem Schwung aus Mamas Bein blind (Mamas Kopf ragt übers Autodach) einen Meter tief auf die Mitte der Rückbank befördern. Gurte über die Schultern ziehen, Schnallen nach Version B zusammenpuzzeln, Gurtschloss unter dem Po hervorsuchen, Schnallen einrasten lassen.

Kind Nummer Drei: Da die Große einen Spezialsitz wegen ihrer Hypotonie hat – sie hing vorher bei jeder längeren Fahrt oder sowie sie müde war, mit dem Hals in den Seilen, äh Gurten – kommt jetzt das doppelte Anschnallsystem. Die Prozedur beginnt wie bei Kind Zwei, mit dem Unterschied, dass der Sitz für die Große auf dem Beifahrersitz steht und die Schnallen nach Variante C in das Gurtschloss gesteckt werden. Da ab 15kg alle Personen mit den Dreipunktgurt des Autos gesichert sein müssen, wird derselbige zusätzlich obendrüber geschnallt. Schnell den schrägen Gurt genommen und… halt, die Große hatte eben damit gespielt und bis zum Anschlag ausgezogen, also aus der Öse seitlich am Kindersitz herauspulen, aufrollen lassen, wieder in die Halterung einfädeln, schräg übers Kind ziehen, den Beckengurt in den richtigen Führungsschienen des Kindersitzes platzieren, noch etwas mehr Gurt durch die Halterung schieben, damit es bis zum Gurtschloss reicht, einrasten lassen.

Selbst einsteigen, anschnallen und losfahren. An der Kita das Ganze beim Aussteigen rückwärts, große Tochter abgeben und die beiden Kleinen wieder ins Auto setzen, anschnallen, nach Hause fahren…

Was ich aus diesem Training lerne: Ich schlage nicht mehr die Hände über dem Kopf zusammen, wenn ich lese, dass ein großer Prozentsatz der Eltern mit den Kindern unangeschnallt im Auto unterwegs ist. Es ist doch wirklich verlockend, sich diese Prozedur einmal für die paar hundert Meter bis zur Kita zu sparen. Zum Glück habe ich da eine Tochter, die mich sofort heulend daran erinnert, dass ich sie anschnallen soll, wenn ich es einmal vergessen habe und Anstalten mache loszufahren.

Was ich mir wünschte: Jeder, der an der Gesetzgebung bezüglich der Sicherheit von Kindersitzen und der Entwicklung entsprechender Sitze beteiligt ist, möge doch wenigstens einen Tag lang alle Autofahrten mit meinen drei Kindern absolvieren bzw. bei „Schlag den Raab“ mit ihnen antreten.
Vielleicht kämen so elternfreundlichere Kindersitze auf den Markt, die sicher und gleichzeitig praktisch in der Handhabung sind. Wenn nämlich das sichere Anschnallen dermaßen umständlich ist, dass man es gerne mal vergisst oder schluderig erledigt, entwickelt sich der so sichere Sitz zu einem viel größeren Sicherheitsrisiko als wenn man das Kind einfach mit dem Bauchgurt angeschnallt hätte (meine Große würde dann z.B. samt Sitz durch die Frontscheibe fliegen).

Ich wünschte mir zweitens, besagte einflussnehmende Personen würden einen weiteren Tag lang als Beifahrer mit eingezogenen Schultern auf der Rückbank neben meinen Kindern sitzen. Dann könnte man vielleicht auch bald wieder Kindersitze fürs Auto, wie unseren Kombi, kaufen, von denen drei nebeneinander auf die Rückbank passen, anstatt für die Sitze das passende Auto kaufen zu müssen.

Ich bin am Ende, oh Schreck, wer liest das hier überhaupt bei der abschreckenden Länge der Beschreibung! Ich sag’s ja: Es ist Zeit für elternfreundliche Kindersitze.

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5 thoughts on “Plädoyer für elternfreundliche Kindersitze

  1. Zumindest für den Babysafe gibt es bei Römer eine elternfreundlichere Lösung: es gibt eine Basis, die man mit Gurt oder Isofix befestigen kann, die bleibt fest auf dem Sitz und man klickt den Babysafe dann nur noch drauf. Wir waren anfangs unsicher, ob sich die Zusatzausgabe für die Basis lohnt – aber das war einfach nur wunderbar, klick, passt, Türe zu.

    1. Von dem Isofixsystem hatte ich schon gehört und in Gedanken schon damit gespielt, es noch neu anzuschaffen. Für uns als Studentenfamilie war es allerdings am Anfang zu teuer, und nun lohnt es sich eigentlich nicht mehr, das für unser Riesenbaby zu kaufen. Ich warte darauf, das er bald sitzen kann und in die nächste Sitzklasse passt. Zudem haben wir festgestellt, dass die Sitze von Jahrgang zu Jahrgang breiter werden, und man mit etwas älteren gebrauchten Sitzen aus zuverlässiger Quelle (z.B. Freunde, Verwandte) eher die Chance hat, dass sie nebeneinander auf die Rückbank passen, und zwar so, dass man mit dem Arm auch noch dazwischen kommt, um das Gurtschloss zu erreichen.

      1. Klar, das sind natürlich gute Argumente. Die breiten Sitze sind ärgerlich (oder doch die schmalen Autos?) – wir haben uns gleich vorsorglich eines angeschafft, das drei volle Plätze hat. Mal sehen, ob wir sie je brauchen ;-)

  2. Hilfe!!! Ich werde nie wieder meckern, wenn ich mich selbst in meinem Gurt verhäddere:)) Das ganze mal vier und noch komplizierter – da kannst du wirklich zu “Schlag den Raab” gehen … :))

    Liebe Grüße Yvonne

  3. Ich kann nur bestätigen, wie mühsam das mit den Sitzen ist – vor allem, weil die Gurtschlösser manchmal versenkt sind und Verlängerungen keine offizielle Zulassung haben. Und es stimmt: Die Sitze werden immer breiter. Dass es uns gelungen ist, in unserem Audi A4 (Bj. ’99) drei Sitze nebeneinander unterzubringen, werten wir immer noch als großen Erfolg. ;-) Aber die mühsamen Recherchen im Voraus wären schon eine kleine Zeitungsnotiz wert gewesen…
    Doch was soll’s? Die Sicherheitslage für Kinder im Auto ist gegenüber früher viel besser geworden, das gibt einem ein gutes Gefühl. Nur könnten – neben den Sitzproduzenten, s.o. – auch Autohersteller etwas mehr mitdenken. Nur wenige dreifache Eltern können sich einen A8 o.ä. leisten. Und nicht jeder will jahrelang Kleinbus fahren. Es sollte doch möglich sein, mit drei Kindern eine bezahlbare Limousine zu fahren, ohne sich täglich halb die Finger zu brechen?

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