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Diagnose? und Gedankenstrudel

Gut gelaunt und beschwingt vom Vogelgezwitscher und Frühlingsduft in der Luft fahre ich in die Kita, um unsere Große abzuholen.

Da trifft mich wie aus heiterem Himmel plötzlich jemand mit einer Vermutung über die Entwicklungsstörung unserer Tochter: Es höre sich ganz nach einem bestimmten Syndrom an. Ich hatte mich damit abgefunden, erst einmal keine Diagnose zu kennen. Plötzlich ist sie wieder da, die Möglichkeit bald Klarheit zu haben. Ich könnte mich freuen, darauf habe ich doch gewartet. Das würde doch manches leichter machen.

„Das ist ein heftiges Syndrom.“ Ja, auf solches hatte ich mich doch schon innerlich eingestellt, als wir vor zwei Jahren auf die Testergebnisse warteten, heftiger als das, was da so im Raum stand, kann es doch nicht sein.

Ich recherchiere im Internet und staune, wie sehr alles, was ich an Beschreibungen der Symptome und klinischen Merkmale lese, zutreffend ist und wie das Syndrom fast alle Besonderheiten unserer Tochter beschreibt, mehr als bei allen anderen Syndromen, die bisher vermutet wurden.

Ich sitze mit dem Notebook auf den Knien und schaue Videos gleichfalls betroffener Kinder, schaue aus dem Fenster, der See liegt glitzernd im Sonnenschein, eine frische Brise bewegt sacht die Bäume, durch das Fenster fallen wärmende Sonnenstrahlen…

Ich kann mich nicht so recht freuen. Noch ist das Syndrom nur eine Vermutung, aber die Gedanken fangen trotzdem an zu plätschern und es bewegt mich mehr, als ich es erwartet hätte.

Da erscheinen die Prognosen für die Entwicklung meiner Tochter vor meinem inneren Auge und ich beginne an die Konsequenzen zu denken. „Stopp!“, sagt mein Mann, sage ich, noch ist alles nur eine Vermutung.

Da denke ich an die möglichen Arten der Entstehung des Syndroms, obwohl wir schon einen Test gemacht haben, gäbe es nun doch auch eine erbliche Variante und nicht nur die einer Spontanmutation. „Stopp!“, sage ich wieder, noch ist alles nur eine Vermutung.

Und es strudelt weiter, ob die vielen Ähnlichkeiten unseres Jüngsten mit der Großen nur auf das Temperament und normale Vererbung oder auch auf das Syndrom zurückzuführen sind. „Stopp!!!“

Es gelingt mir, nicht noch weiterzudenken, aber diese Gedanken sind gedacht und nicht zurückzuholen.

Ich setze mich ans Klavier und mein Inneres strudelt in die Tasten, die Finger finden zu einem Lieblingslied, irgendwann kann ich es mitdenken, schließlich mag ich es singen: „Erzählt von der Größe Gottes unsres Herrn, er ist vollkommen, in allem was er tut. Ein Gott der Treue hält…“ Das ist die Bedeutung des Namens unserer Tochter, kein Zufall, wie ich glaube.

Als ich die Gedankenstrudel am nächsten Tag in die Notebooktasten klopfen will, klingelt das Telefon. Unser Arzt, dem ich spät abends noch eine Mailanfrage zu seiner Einschätzung zu dem Syndrom geschrieben habe, ist persönlich dran. Ein so wohltuendes Gespräch, er sagt, dass es bisher nicht nach diesem Syndrom ausgesehen habe, dass sich manches aber auch erst im Lauf der Zeit herauskristallisiert und er unsere Tochter länger nicht mehr gesehen hat. Wenn die Vermutung geäußert worden ist, wird es wohl einen Grund haben und man sollte der Sache nachgehen…
Nächste Woche können wir einen speziellen Test veranlassen. Die Ergebnisse gibt es erst in mehreren Wochen.

Nun warten wir auf Klarheit und versuchen was nicht geht: unbeschwert alle möglichen Konsequenzen aus den Gedanken auszublenden, weil noch nichts sicher ist, bzw. uns darauf zu freuen, eine Diagnose zu haben, obwohl ja noch gar keine Klarheit herrscht.

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