Besondere Kinder, Erlebt, Erziehung, Gebärden/UK, Nachgedacht

Tischgespräche

Fast wären mir diese Anekdoten entgangen, fast hätten wir diese Tischgespräche nie führen können…

So gerne ich Mutter bin, manchmal bin ich auch froh, wenn mir mal jemand die Verantwortung für meine Kinder für ein paar Stunden abnimmt. Es löst aber ein unangenehmes Gefühl bei mir aus, wenn ich den Eindruck gewinne, man nimmt mir und anderen Eltern per Gesetz und unbeweglichen Strukturen in der Bildungslandschaft die Verantwortung einfach weg, etwa in der Meinung, Eltern seien nicht professionell genug, um Kinder gut zu erziehen und zu fördern.

Mich ärgert zum Beispiel, dass ein Integrationskind laut Behörde und Kitaleitungen mindestens 6 Stunden in der Kita sein muss. In der Kita wird um 8.30 Uhr gefrühstückt und um 12.00 Uhr gibt es Mittagessen, es wird viel Wert darauf gelegt, dass die Kinder an diesen Mahlzeiten teilnehmen. Daraus folgt, dass ich meine Große abholen müsste, wenn die Geschwister Mittagsschlaf machen und sie nur noch das Abendbrot zuhause essen würde. Auf meine Frage, wie ich die Fahrerei in diesem Zeitrahmen mit unserer Familiensituation regeln könnte, antwortete die Behörde, dass sie mir gerne auch einen 8- oder 10-Stundengutschein ausstellen könnten, aber den Fahrservice können wir nicht in Anspruch nehmen, da wir nicht im Einzugsbereich der Kita wohnen.

Da kommt mir manchmal die Frage, ob bei allen Regelungen zum Wohle der Kinder, wirklich das Wohl des einzelnen Kindes im Mittelpunkt steht. Jede Familie sollte die Möglichkeit haben, die für sie beste Betreuungsvariante in Ergänzung zur Erziehung in der Familie zu bekommen. Für viele Eltern und Kinder ist es wirklich wichtig, dass längere Betreuung möglich ist, wichtig finde ich aber auch das Familienleben an sich. Darunter stelle ich mir mehr vor als gemeinsam Aufstehen und Zubettgehen und noch zwei Stunden am Nachmittag. Ich weiß, dass viele Mütter arbeiten gehen wollen oder müssen und darum kämpfen, ihre Kinder lange genug gut untergebracht zu wissen. Ich bin einfach dankbar, dass ich, solange die Kinder noch so klein sind, frei bin, mehr Zeit mit ihnen zu verbringen, theoretisch, wenn man mich ließe. Ich möchte meinen Kindern für ihr Leben mitgeben was mir wichtig und wertvoll ist, wenn sie aber schon im Kindergartenalter mehr Zeit mit anderen verbringen als mit der Familie, wovon werden sie dann am meisten geprägt? Braucht nicht gerade ein besonderes Kind einen sicheren Halt in der eigenen Familie, gute mittragende Beziehungen zu den Geschwistern und Eltern?

Ich finde deshalb auch gemeinsame Mahlzeiten mit der Familie sehr wichtig. Sie sind mehr als nur Essen, nämlich Gemeinschaft, Zeit miteinander, Austausch. Unsere Mahlzeiten dauern ziemlich lang, weil unsere Große doppelt so lange kaut wie die anderen und weil alle anderen in der Zeit doppelt so viel reden. Und da man in Gebärden auch reden kann, während man kaut, trägt die Stoffliebhaberin ebenfalls ihren Teil zum Gespräch bei. Unfassbar, wie sich das Reden in einem Jahr bei unseren Töchtern entwickelt hat, und einfach schön. Es gibt Lustiges und Ernstes, Fantasievolles und Informatives zu hören und dabei lernen wir miteinander, voneinander und übereinander eine ganze Menge.

Hier ein paar Kostproben:

Die kleine Tochter betrachtet das für ihren Geschmack offenbar etwas zu harte Brot auf ihrem Teller: „Das Brot ist wiirklich giftig, das kann man nicht essen!“

Beim Mittagessen brauche ich erst eine Weile, bis ich geschaltet habe, was sie mit: „Guck mal, die Nudeln sind ganz pinklich.“, meint. (Sie hielt dabei ihren pinken halbtransparenten Löffel über die Nudeln auf dem Teller.)

Sie trinkt den Kakao aus und stellt die Tasse mit einem tief ausatmenden „Das war endlich gut!“ wieder auf den Tisch.

Die Große gebärdet stolz alles, was ihr einfällt und strahlt dabei, wenn sie die Gebärden lustig findet. Es geht wie in einem Gedicht nach vorhersehbarer Reihenfolge, z.B.: „Ein Vogel, eine Ente, ein Fisch…, ein Hase, ein Esel…, ein Baum, noch ein Baum, ein Schmetterling, Auto fahren, reiten, beten…, Käse, Wurst, Orange…, arbeiten, bauen, Fahrrad fahren.“ Dabei muss man unbedingt mitmachen und „übersetzen“.

Seit sie „Ich möchte bitte Milch trinken.“ und ähnliches sagen kann, trinkt sie auch viel mehr, wobei meistens nur ein kurzes „nochmal trinken“ oder „bitte Milch“ herauskommt.

Und unser Jüngster wird auch schon mit in die Gespräche eingebunden. Im Moment redet die Kleine allerdings mit ihm nur in Babysprache, mit den Lauten, die sie von ihm aufgeschnappt hat. „Kleiner Güa, gisse, gisse.“ Und in einer selbst ausgedachten Sprache: „Walke, eindissen…“ Wenn ich frage, was das ist, lacht sie sich kaputt und meint, ich solle ein Lied darüber erfinden, wenn sie es nicht schon selber tut.

Unsere Große und auch die Kleine fordern dann mit einigen Initialgebärden auf, bestimmte Fingerspiele oder Lieder zu singen: „Meine Hände sind verschwunden“ oder „Das ist der Daumen“ oder „Haste n Taler“ oder „Jesus liebt mich“.

Wenn meine kleine Tochter fertig mit dem Essen ist, spricht sie liebend gerne Reime oder singt mit mir. Von Wiederholung zu Wiederholung spricht sie ein Wort mehr alleine, bis sie „Aua sagt der Bauer“, „Alle meine Entchen“, „Daniel aß Gemüse“ usw. alleine hervorjubelt.

Und noch schöner sind die großen Fragen, die plötzlich zwischendurch auftauchen:
„Jesus kommt bald. (Wann) Kommt Jesus? Kann Jesus sitzen?“ Und mit einem Wink zum freien Stuhl neben sich verkündet sie: „Da kann Jesus sitzen.“ „Jesus kommt gleich.“ „(Wo) wohnt Jesus? Jesus kann schlafen. Wo släft Jesus? In einm Bett?“ Ziemlich herausfordernd, wie ich „bald und gleich“ und „er ist immer bei uns, er wohnt beim Vater im Himmel, er ist jetzt nicht sichtbar, er wird sichtbar wiederkommen“ für eine Zweieinhalbjährige erklären soll. Aber was würden sie wohl im Kindergarten auf diese Fragen antworten? Ich bin doch froh, dass ich sie beantworten und von meinem Glauben und meinen Erfahrungen mit Jesus erzählen kann.

Es freut mich auch, dass wir zumindest zwei Mahlzeiten gemeinsam haben und all diese schönen Sätze nicht verpassen, weil sie nur im Kindergarten geredet werden würden.
Denn ich habe mich durchgesetzt, dass meine Große im Moment nur zum Frühstück in der Kita ist und ich sie nach 4 Stunden zum Mittagessen wieder abhole. Ich wundere mich ein wenig über mich selbst, wie ich Dank meinen Kindern und für meine Kinder lerne, über meinen Schatten zu springen und nicht alles nur hinzunehmen, wie es allgemein üblich ist, sondern für meine Werte und Vorstellungen und für das, was nach meiner Einschätzung meinen Kindern gut tut, zu kämpfen.

Ich meine, es täte allen Familien gut, wenn der Staat mehr dafür tun würde, die Erziehungskompetenz der Eltern zu stärken und mehr Familienzeit zu ermöglichen, anstatt alle noch früher und noch länger voneinander zu trennen.

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4 thoughts on “Tischgespräche

  1. Es mag ja fast nach Anbiedern klingen – aber du hast ja so ABSOLUT Recht! Es ist erschreckend, was ich da rauslese: Fähige Mütter wollen nichts lieber als arbeiten gehen, und die, die es aus Überzeugung machen wie du (oder auch meine Frau), denen traut man nicht zu, erzieherisch kompetent zu sein. Damit redet man die Bevölkerung doch unfähiger, als sie ist.
    Wir haben übrigens genau so entschieden: Mittagessen alle zusammen zuhause – und sogar der Papa ist manchmal dabei. Das sind ganz, ganz wertvolle Zeiten – auch für Familienzusammenhalt und Familienidentität.
    Über deinen letzten Absatz habe ich mich sehr gefreut. Ja, manchmal muss man kämpfen – Respekt! Es steckt doch in jeder liebenden Mutter eine Löwin! (Das gilt natürlich ebenso für Väter.)

    1. Ja Löwin: Ich hoffe, ich beherrsche mich und meine Worte soweit, dass ich nicht die Falschen “anbrülle” :) .
      Ich verstehe auch Frauen, die arbeiten gehen wollen. Auch wenn ich für die Kleinkindphase jetzt einfach zuhause bleibe – mit Dreien reicht das vollkommen an Arbeit, da muss ich nicht noch nen anderen Job machen – ist Hausfrau sein nun nicht das, wo ich meine ganze Erfüllung drin finde. Aber da bin ich mir ja mit deiner Frau einig, wie wir heut morgen festgestellt haben. Es ist gut, wenn man sich auch außerhalb der Familie für etwas engagieren kann.
      Mich ärgert vor allem, dass mir die Behörden und verschiedene Kitaleitungen immer wieder gesagt haben, dass ich mit noch zwei kleinen Kindern zuhause froh sein werde, dass mein besonderes Kind möglichst lange außer Haus ist. Anstatt die Familie zu stärken, die Bindungen zu Eltern und Geschwistern, wird ermutigt, das Kind “abzuschieben” bzw. wird man verunsichert, dass es zuhause niemals soviel lernen könne, wie in der Kita. Und man streicht einfach die Frühförderung zuhause, wenn das Kind in die Kita kommt, weil dann dort alles im Rahmen der Integration stattfindet. Aber ich will mein Kind auch in unsere Familie integriert wissen, wozu z.B. auch gehört, dass wir gemeinsam Gebärden lernen und “reden”. Da hätte ich statt 10 Stunden Kita mit Mittagessen lieber nur 4 Stunden und dafür einmal am Tag einen Fahrdienst und noch 2 Stunden in der Woche zuhause Frühförderung mit Gebärden – aber das ist angeblich aus Kostengründen… nicht möglich – hier jedenfalls, in anderen Bundesländern schon.

  2. Vielen Dank für diesen Artikel! Ich bin froh, wenn ich ab und zu merke, dass es auch noch andere Menschen gibt, die so denken und empfinden wie ich. Deine Zeilen haben mir so wohlgetan, dass ich ein paar Worte hierlassen musste.

    Grüße von einer Mutter, die auch oft um den Familienzusammenhalt kämpfen muss.

    1. Herzlich Willkommen auf meinem Blog und vielen Dank für das positive Feedback.
      Sende Grüße zurück und wünsche dir auch viel Elan und Weisheit, auf eine gute Weise für einen guten Weg zu kämpfen.

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