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Schallmauerdurchbruch

Mittlerweile kenne ich unzählig viele „Ich kenne auch ein Kind, das überhaupt nicht gesprochen hat und mit 3 oder 4 Jahren dann plötzlich anfing in ganzen Sätzen zu reden“-Geschichten, die mir nette Leute erzählt haben, um mir Hoffnung zu machen, dass es bei meiner großen Tochter ähnlich sein wird. „Da ist sie doch in bester Gesellschaft von Leuten wie Albert Einstein, der es zu einer Menge gebracht hat.“ „Das kommt schon noch.“, hieß es dann immer.
Dass die Sachlage bei meiner Tochter etwas anders ist, fühlte ich schon ziemlich bald, denn wir lebten damit, dass sie nicht nur keine Lautsprache verwendete, sondern dass sie, außer durch Mimik und einige Töne, gar nicht kommunizierte.

Lange Zeit hatten wir den Eindruck, dass das, was wir mit unserer großen Tochter reden, einfach an ihr abprallt. Dringen die Schallwellen überhaupt vor auf ein Ohr, das sie verarbeiten kann, hört sie überhaupt, was wir sagen?
Bei genauer Beobachtung und einigen Tests wurde klar: Sie hört gut!

Warum reagierte sie dann aber so lange nicht auf das, was wir sagten? Versteht sie eigentlich, was gesagt wird?
Im Laufe der Zeit, erlebte ich, dass sie versteht, was sie kennt, und mittlerweile würde ich fast sagen, dass sie alles versteht.

Aber warum äußert sie sich denn so wenig? Ein bisschen Mimik, ein paar Töne, das war lange Zeit alles. Mit gut zwei Jahren benutzte sie zum ersten Mal ihre Hand, um etwas zu zeigen, mit gut drei Jahren, zeigte sie eine erste Gebärde – nachdem wir ein Jahr lang ein paar Gebärden mit ihr geübt hatten.
Wir haben einfach eine sehr zufriedene in sich und ihrer Welt ruhende Tochter, die lange gar nicht die Nötigkeit sah oder den Wunsch hatte, sich mitzuteilen.

Etwa ein halbes Jahr lang lernte sie mühsam eine um die andere Gebärde, bis sie im Sommer auf etwa 40-50 Gebärden kam. In der gleichen Art und im gleichen Zeitraum lernte unsere kleine Tochter ihre ersten Worte sprechen. Und dann kam der berühmte Durchbruch durch die Schallmauer. Man sagt, nach den ersten mühsamen 50 Worten kommt der Durchbruch und alles andere geht wie von selbst, der Wortschatz explodiert. Und das trifft auf meine Töchter ausnahmsweise mal tatsächlich zu. In den letzten Monaten hat die Große so viele Gebärden gelernt, und das auch ohne Frühförderung, dass ich an meine Grenzen komme und wir dringend mal Input von Gebärdenprofis brauchen. Auf die Genehmigung unseres Frühförderantrags diesbezüglich warten wir nun schon drei Monate. Umso wunderbarer ist es, dass wir eine Babysitterin gefunden haben, die Gebärdensprache studiert und uns schon eine Menge beigebracht hat.

Die Schallmauer ist wirklich durchbrochen, denn nun kommunizieren wir nicht mehr nur einseitig. Unsere Große hat begriffen, dass es praktisch ist, mitteilen zu können, was man tun oder haben möchte, wie man sich fühlt, dass es nützlich ist, sagen zu können, was der andere tun soll, dass es Spaß macht, zu erzählen, was man sieht oder getan hat oder einfach Worte zu brabbeln und eine Fantasiegeschichte zu erzählen. Sie will Worte lernen und tut das mittlerweile ziemlich spontan und schnell. Da ich auch nicht alles weiß, was man so braucht und ihre eigenen Gebärden manchmal auch nicht deuten kann, ist das zwar nicht immer einfach und hat noch nicht die Qualität einer Kommunikation mit Sprache, aber es ist ein riesiger Schritt voran. Andererseits gibt es auch viele andere Situationen, in denen man mit Sprache nicht kommunizieren kann, in denen wir mittlerweile von der Gebärdensprache profitieren.

Wer weiß, vielleicht kommt ja doch noch die Sprache, nachdem sie deren Nutzen verstanden hat, denn theoretisch könnte sie sprechen. Das wäre der nächste Schallmauerdurchbruch.

(Bitte lies mir dies) Buch (vor)!
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2 thoughts on “Schallmauerdurchbruch

  1. Hallo,

    das freut mich zu hören. Schön, dass es vorwärtsgeht. Ist bestimmt toll, wenn man zusehen kann, wie ständig was dazukommt.

    LIebe Grüße

  2. Danke. Hoffe, euch gehts auch gut?! Liebe Grüße zurück.

    Freue mcih über so viele Leute die sich mitfreuen. Da habe ich mich schon gefragt, ob Ailas Fortschritt größer rüber gekommen ist, als er ist… wir freuen uns bei ihr über jeden Schritt einfach doppelt. Von flüssigem Gebärden sind wir weit entfernt, aber es ist wie beim normalen Sprechenlernen. Sie probiert dies und das und versucht sich mitzuteilen, und dabei werden die Gebärden immer deutlicher und es kommt immer mehr dazu.

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