Besondere Kinder, Erlebt, Familie, Nachgedacht

Interessenspagat

Sind Familientage, bei denen alle Familienmitglieder auf ihre Kosten kommen, eigentlich nur ein schöner Mythos? Wie findet man etwas, das man gemeinsam unternehmen kann, woran ein Pubertierender, ein Erstklässler und ein Kleinkind gleichermaßen Spaß haben, von den unterschiedlichen Interessen der Geschlechter ganz zu schweigen? Nun, so alt sind unsere Kinder noch nicht mal und mit dem Altersabstand von jeweils etwa zwei Jahren hatte ich gedacht, einem Interessenkonflikt bei gemeinsamen Aktionen in der Familie aus dem Wege zu gehen. Aber ich habe die Rechnung ohne das Temperament und die weiteren Besonderheiten meiner Kinder gemacht.

Beispiel Laternenumzug:
Begeistert hatte ich von dem 1. Bundesweiten Laternenlauf für behinderte Kinder mitten in der Stadt gehört. Unter dem Motto „Ein Licht von Kind zu Kind“ bastelten Kindergarten- und Grundschulkinder Laternen für besondere Kinder. Diese wurden dann nach dem Motto „Ein Licht für jedes Kind“ vor dem Start des Umzuges an die Kinder ausgeteilt. Da wollten wir gerne dabei sein. Wir machten uns auf den Weg ins Zentrum und mischten uns unter den Pulk von großen und kleinen Leuten mit und ohne Behinderungen.
Meine große Tochter gehörte zwar zur Zielgruppe der Aktion, aber sie ließ der ganze Trubel völlig kalt. Am liebsten hat sie ihre vertraute Umgebung und Ruhe für sich. Es war ihr einfach zu viel. Auch dass der billig produzierte Elektrostab mit Glühlämpchen schon nach drei Minuten seinen Geist aufgab und sie ihre Laterne ohne Licht durch die Gegend trug, war ihr ganz egal. Irgendwann war ihr auch das Laufen zu viel und das Stehen auf dem Buggyboard gleichfalls zu anstrengend. Ich freute mich, eines der mitfahrenden Fahrradtaxis ergattern zu können, womit wir dann den zweiten Teil der Strecke gemütlich sitzend gefahren wurden. Doch das einzige, was meiner Großen daran gefiel, war dass sie den vorbeirauschenden Verkehr besser beobachten konnte. Als die Veranstaltung mit einem großen Feuerwerk beendet wurde und der Lärm der Explosionen zwischen den Häuserfronten übers Wasser schallte, war sie schließlich heillos überfordert und reagierte nur noch mit Gebrüll.
Ganz anders meine zweite Tochter. Sie liebt es unter vielen Leuten zu sein und viel Action zu haben. Sie war Feuer und Flamme von den vielen Lichtern, den „Feuerautos“ und „Feuermännern“, die den Umzug begleiteten, den vielen Kindern, die mitliefen oder in ihren Rollis mitfuhren, den Musikkapellen und ihrer eigenen Laterne. Eifrig stiefelte sie auf ihren eigenen Füßen hinterher und war, obwohl sie dann doch immer langsamer wurde, zunächst überhaupt nicht einverstanden, dass wir ins Fahrradtaxi einstiegen.
Unser Jüngster im Kinderwagen war solange völlig emotionslos, bis sich seine nächste Mahlzeit zu lange hinauszögerte und er mich im Fahrradtaxi nicht mehr beobachten konnte. Dafür machte es ihm überhaupt nichts aus, dass ich ihn in dem Gefährt bei ohrenbetäubendem Getöse von Trommelgruppe und Feuerwerk stillte.
Als wir wieder zuhause waren, waren wir alle fix und fertig und ich fragte mich, ob sich der ganze Akt nun gelohnt hatte oder ob es nur eine tolle Erfahrung für unsere Trubel liebende kleine Tochter war – auf Kosten unserer überforderten Großen und einem mitgeschleiften und zu lange hingehaltenen Jüngsten?

Zum Martinsumzug startete ich einen zweiten Versuch. Ich hatte aus den Erfahrungen gelernt und diesmal meine Große in sicherer Umgebung in ihrem Buggy dabei, den Jüngsten im Tragetuch, die Kleine an der Hand. Der Jüngste verschlief alles selig, die Kleine war begeistert, die Große war wieder nach der halben Tour nur noch am Quengeln und Brüllen…

Dafür hatte meine Große beim Laternebasteln den meisten Spaß. Begeistert zerfetzte sie das Transparentpapier in kleinste Stücken und schmierte ihre Hände mit dem Tapetenkleister ein, quetschte ihn schmatzend durch die Ritzen ihrer Faust und babbte ab und zu etwas auf den Luftballon.
Meine Kleine dagegen wollte weder das Papier kaputt machen noch sich die Finger dreckig machen. Das sollte bitteschön die Mama alles schön ordentlich erledigen und das dauerte ihr verständlicherweise zu lang, um die ganze Zeit dabeizusitzen und zuzuschauen.

Tja, auch Geschwister sind nun mal von Natur aus so unterschiedlich, dass man sie nicht alle gleich behandeln kann, wenn man jedem gerecht werden will. Und ich behaupte einfach mal, dass das nicht nur für den Unterschied zwischen „normalen“ und „besonderen“ Kindern gilt. Manchmal hätte ich gerne das Patentrezept mit ausreichend Differenzierungsmöglichkeiten. Ein Glück, dass mein Allerbester viele Erfahrungen mit differenziertem Unterricht in heterogenen Schulklassen beisteuern kann, aber lösen tut das unseren familiären Interessenspagatübungen auch nicht immer.

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