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Das große Brüllen

Wir hatten eine Weile Besuch, einen Gast, den ich eigentlich nie in meinem Haus haben wollte, aber er drängte sich mir mit seiner vermeintlichen Hilfe so sehr auf, dass ich ihn, eh ich mich versah, doch bei mir hatte. Sein Name ist „das große Brüllen“. Das große Brüllen redete mir ein, ich wäre auf seine Hilfe angewiesen. Bei dem allen, was ich um die Ohren habe, müssten die Kinder einfach sofort spuren. Und wenn sie meine Worte überhören wollen, dann müsste ich einfach laut werden. Ja, und wenn sie auf laut werden nicht reagieren, dann müsste ich halt noch lauter werden, um meine Autorität zu waren und konsequent zu bleiben. Wenn sie dann immer noch nicht hören, sollte ich mit besonders großem Brüllen nochmal eins drauflegen, damit ich mich nicht lächerlich mache.
Was das große Brüllen mir vorher nicht gesagt hatte, war, dass es allerdings auch den Kindern dann ein wenig beistehen würde, ihre Vorstellungen und Wünsche kund zu tun und schließlich ihre Würde zu behaupten.

Das große Brüllen half mir stattdessen, meine Zweifel an der Notwendigkeit seiner Hilfe ein wenig zu beruhigen, nämlich mit Überlegungen darüber, dass ich mich ja nicht in Drei teilen könnte. Wenn ich z.B. stillend auf der Bank am Spielplatz sitzen würde und dabei das zweite Kind plötzlich meinte, waghalsige Akrobatik am Klettergerüst probieren zu müssen und das dritte übermütig Richtung Straße davon rennen würde, bliebe mir gar nichts anderes übrig als zu schreien. „Nein, ohne mich, das große Brüllen, kommst du als Mutter gar nicht aus.“
Also war er da, mein ungebetener Gast und logierte hier, sich großzügig ausbreitend.

Es dauerte eine ganze Weile, bis ich am dem Punkt war, wo mir klar wurde, dass wir so nicht besser klarkommen. Ich brüllte, die Kinder brüllten, die Kinder fanden mich ungerecht und mein Brüllen unangemessen und taten deshalb erst recht nicht, was ich verlangte, ich brüllte noch mehr, selbst wenn ich einsehen musste, dass ich gar nicht im Recht war, aber nach der Brüllerei nachgeben, wäre eine Niederlage und würde meine Erziehungskompetenzen schwächen, also brüllten auch die Kinder noch mehr, die ebenfalls so nicht nachgeben wollten…
„Ob die Kinder mich in der Lautstärke nicht besser hören, besser auf mich hören würden und sich besser merken würden, was ich sage, um erneutes Angebrülltwerden zu vermeiden“, meinte das große Brüllen, als es feststellte, dass ich es loswerden wollte. Nein, nicht solange ich es derart inflationär gebrauche, dann geht mein Getöne zu einem Ohr rein und zum anderen wieder raus, als Lärm abgehakt.

Irgendwie besann ich mich darauf, dass meine Große den Sinn meiner Worte sowieso meistens besser versteht, wenn man sie zusätzlich mit Gesten bzw. Gebärden unterstreicht. Beim nächsten Anlass, der mich zum Brüllen bringen wollte, dachte ich an die schimpfende Gehörlose Erzieherin aus dem Kindergarten und legte mit meinen Händen fuchtelnd los. Und wie wunderbar, „Das stille Gebärden“ war nicht weniger wirksam, im Gegenteil, meine Kinder nahmen es sogar ernster als das große Brüllen. Es hat den entscheidenden Vorteil, dass es die Würde des Zurechtgewiesenen mehr wahrt und weniger Trotzreaktionen herausfordert.

Jetzt komme ich schon eine Zeit ganz gut mit dem stillen Gebärden aus. Manchmal ist auch wieder das große Brüllen zu Besuch, leider. Manchmal brauche ich es tatsächlich, denn meine auf die Straße rennende Tochter hat im Rücken leider keine Augen für meine Gebärden. Aber wenn es nur manchmal da ist, das große Brüllen, als warnender Schrei z.B., dann wird es auch wieder mehr gehört.

veröffentlicht in der Zeitschrift Lydia, Ausgabe 2/2014, www.lydia.net

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5 thoughts on “Das große Brüllen

  1. Diesen Gast kenn ich leider nur zu gut. Und auch den dazugehörigen Spiegel, den einem die Kinder dann postwendend vor die Nase halten. Sehr schön erzählt, sehr wahrer Inhalt. Vielen Dank!

    1. Ich muss diesen Gast auch öfters vor die Tür setzen. Da er jeweils kommt, wenn man eh nicht so viel Kraft und Nerven hat, ist das immer wieder herausfordernd.
      Danke für das Lob!

  2. oh…ich glaube jeder hat manchmal diesen ungebetenen Gast länger zu Besuch als einem lieb ist…

    Ein Teufelkreis der immer wieder viel Mut braucht durchbrochen zu werden….ich versuch ihn grad wieder loszuwerden^^

  3. Ist doch schon mal gut, wenn man wieder so weit ist, dass man merkt, dass dieser Gast da ist und dass man ihn loswerden will. Wünsche noch viel Geduld und Nerven dazu!
    Wie gesagt, bei mirt ist er auch immer wieder ;( .

    Außerdem: Herzlich willkommen auf meinem Blog!

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