Ehe/Beziehung, Erziehung, Muttersein, Nachgedacht

Hektik, Eile, Pünktlichkeit

Es gibt Tage, da steht mein Zeitempfinden konträr zu dem meiner Kinder: Ich bin außergewöhnlich in Eile, weil eine Menge Termine und Arbeit anstehen und sie haben außergewöhnlich viel Ruhe und benötigen für jedes bisschen die doppelte Zeit wie sonst.

Da dauert das Frühstück eine Stunde, weil man statt zu Kauen lieber träumt, Quatsch macht und ununterbrochen plappert.
Da dauert das Fertigmachen und Anziehen ebenfalls eine Stunde, weil beide wider mein Erwarten vorher auf der Toilette kein Geschäft erledigen wollten, fertig angezogen dann aber gleich doch noch mal aufs WC mussten bzw. die Windel füllten.
Da müssen sie den Einfall haben, ausgerechnet jetzt ausprobieren zu wollen, die Schuhe und Jacke selbst anzuziehen.
Da gibt es einen Kampf, weil die Kleine unbedingt selbst in den Autokindersitz klettern muss und nicht mal schnell hineingehoben werden möchte.
Da finden sie es besonders lustig, auf mein Rufen – „Komm bitte zum Händewaschen!“ oder dergleichen – schelmisch lachend gerade in die entgegengesetzte Richtung wegzurennen.
Da zeigen sie mir mit ihrem Verhalten, dass sie jetzt gar nicht schnell weitermachen wollen, sondern die Zeit mit mir genießen und die Welt erklärt bekommen wollen.

Ich bin genervt, hetze und eile, um wenigstens noch halbwegs pünktlich und im Zeitplan voranzukommen und verpasse die besten Gelegenheiten, um auf das geweckte Interesse meiner Kinder eingehen zu können, wichtige Gespräche mit ihnen führen zu können oder ihre Selbständigkeit zu fördern.
In solchen Situationen wünschte ich mir bei mir und meinem Umfeld ein wenig afrikanisches Zeitverständnis und könnte die deutsche Pünktlichkeit auf den Mond schießen. Ich stehe ja im Allgemeinen sowieso etwas auf Kriegsfuß mit dieser Tugend. Es gibt wichtige Termine, da muss man einfach pünktlich sein und es ist auch nicht schön, jemanden lange warten zu lassen und dadurch seine Zeit zu stehlen. Ohne solche Tugenden wie Pünktlichkeit und Disziplin hätten wir es in unserem Land wahrscheinlich auch nicht zu solchem Wohlstand und Fortschritt gebracht. Aber bleibt da nicht schnell das Soziale auf der Strecke? Dass ich für die Zeit habe, die sie wirklich gerade brauchen?

Neulich hörte ich den Satz: „Wer in Eile ist, findet keine Freunde.“ Für Familie und Freunde und andere, die mich brauchen, muss ich mir Zeit nehmen, und zwar dann, wenn es dran ist. Ich kann meiner kleinen Tochter nicht sagen: „Ich hab jetzt keine Zeit zum Reden, ich erkläre dir in einer Stunde, warum du kein Baby im Bauch hast und warum du einen Bauchnabel hast.“ Bis dahin ist das Interesse an der Frage und die Aufmerksamkeit zum Zuhören verschwunden. Ich kann jemanden, der sich gerade überwunden hat, mich anzusprechen, weil er unbedingt mal mit jemandem reden muss, auch nicht mit einem Termin für morgen Abend vertrösten…

Ich habe das Gefühl, dass ich solche wichtigen Begegnungen, die Beziehungen vertiefen, Freunde schaffen und letztlich dem Tag einen Sinn geben und mit Zufriedenheit erfüllen, oft verpasse, weil ich von letztlich unwichtigeren Dingen angetrieben und beansprucht werde.
Es würde sich, denke ich, lohnen, mal zu überdenken, ob es die Dinge Wert sind, für die wir uns Stress machen, oder ob wir nicht an einem größeren Stück Lebensqualität vorbei hetzen und eilen.

2010 06_4

Loading Likes...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.