Besondere Kinder, Erlebt, Muttersein

Einkaufen mit Gebrüll

Habe ich jemals leichtsinnigerweise, als ich noch keine Kinder hatte, innerlich den Kopf geschüttelt, wenn ich Eltern mit ihren Kindern beim Einkaufen beobachtet habe? Ich muss zugeben, gelegentlich schon. Allerdings, seit ich Kinder habe – oder spätestens seit diesem Erlebnis, das ich vor ziemlich genau einem Jahr hatte -, weiß ich sicher, dass ich mir nie mehr erlauben will, von einer kurzen miterlebten Situation Rückschlüsse auf den Erziehungsstil der Eltern zu ziehen:

Als ich am Nachmittag mit den Kindern Einkaufen war, konnte ich die Gedanken verschiedener Mitmenschen beinahe rattern hören. Dabei war der Einkauf so schon nervenaufreibend genug. Wir passierten gerade eine Gruppe tratschender Frauen an der Hauptstraße, als sich meine Große von einem vorbeiknötternden Motorrad wahnsinnig erschrecken ließ. Das Gebrüll, was sie daraufhin veranstaltete, war verständlich, aber sie ließ sich auf meinem Arm relativ schnell trösten. Trotzdem hatten wir die Blicke aller umstehenden Passanten auf uns gezogen und eine freundliche Dame korrigierte mich, dass sich meine Tochter nicht erschreckt, sondern an der Lenkstange des Buggys gestoßen habe. Ich verkniff mir eine Bemerkung, dass ich mein Kind schon ganz gut kennen würde und dass sie wegen körperlichen Schmerzen niemals solch ein Gebrüll anstimmen würde. Da ist sie unglaublich hart im Nehmen. (Neulich auf dem Spielplatz ist ihr beim Klettern ein etwa 9jähriges Mädchen auf die Finger gestiegen und sie hat nicht mal mit der Wimper gezuckt.) Dagegen ist sie sehr lärmempfindlich und schreckhaft.
Mit einem Kind auf dem Arm und dem anderen im Buggy steuerte ich dann den nächsten Laden an. Die freundliche Verkäuferin wies mich schon am Eingang darauf hin, dass der Laden heute sehr vollgestellt sei und wir mal sehen müssten, ob wir überhaupt durchkommen. Na prima, in der Drogerie war es sonst schon eng genug in den Gängen. Diesen Geschicklichkeitsparcours konnte ich unmöglich einhändig bewältigen, also musste meine Große auf das Buggyboard aufsteigen. Und schon ging das Gebrüll wieder los – und hörte nicht mehr auf. Zudem bemerkte ich, dass ich wieder mal meinen Einkaufszettel verloren hatte, was den Einkauf nicht gerade beschleunigen würde. Die Breite der Gänge ließ auch kein Tempo zu. Diesen und jenen Präsentationsständer musste ich ein wenig umplatzieren, damit wir weiter kamen, die ungeduldigen Schritte einer Kundin, die mal eben schnell vorbei wollte, im Nacken. Ein freundlicher Herr sagte laut: „Na, wer weint denn da so?“, steuerte um die Regalreihe herum und schaute neugierig in den Gang, in dem wir gerade standen. Eine Frau bemerkte: „Sie ist wohl nicht so gut drauf heute?“ und zwei weitere Kundinnen unterhielten sich über das Benehmen von Kindern, als wir an ihnen vorbeikurvten. Die Kassiererin stellte fest: „Dabei war sie doch neulich so leise im Gemeindehaus!“ Ich konnte mich leider weder an die Frau noch an die Situation erinnern und gerade in diesem Augenblick überzeugte meine Tochter alle davon, dass sie noch lauter sein konnte, da ich zum Eingeben meiner Pin-Nummer an das Kartenlesegerät der anderen Kasse gehen musste, wogegen sie heftig protestierte. Daraufhin bekamen dann beide Kinder von der anderen Verkäuferin einen Schokoriegel in die Hand gedrückt. Die Große hatte sich ja auch wirklich noch eine Belohnung verdient und die Kleine sollte mit nicht mal einem Jahr eigentlich noch gar keine Süßigkeiten essen!
Unser Weg zum nächsten Geschäft wurde von gelegentlichem Gebrummel begleitet. Ich atmete etwas auf.
Fast wie eine friedliche Familie fuhren wir in den Supermarkt hinein. Dann kurvte ich zweimal vor dem Milchregal hin- und her, weil ich es nicht glauben konnte, dass es „unsere“ Milchsorte nicht gab. Und da fing es wieder an, das Gebrüll, warum auch immer. Dieses Mal kamen keine Kommentare, dafür vielsagende Blicke von ein, zwei, drei, vier, fünf Kunden. Mir war auch nach Brüllen zumute, wollte ich aber nicht, schon gar nicht in der Öffentlichkeit. Nachdem ich mein ganzes Repertoire von Beruhigungsmöglichkeiten, wie ruhig die Situation Analysieren, Hände Halten, Streicheln, Bitten, Ermahnen, Ignorieren usw., durchexerziert hatte, nahm ich meine Große schließlich noch mal auf den Arm. So standen wir eine Weile vor dem Wurstregal. Ein Herr musterte uns mit kritischem Blick. Mir war auch alles Wurst. Wenigstens stimmte meine Kleine nicht mit in das Gebrüll ein, sondern saß ganz cool in ihrem Buggy, ließ ab und zu ihren Hut verloren- und etwas anderes mitgehen. Als der letzte Schluchzer von der Großen verklungen war, schafften wir es, ohne groß aufzufallen, zu bezahlen.

Manchmal ist es einfach unergründbar, warum meine Große zu Brüllen anfängt, hier war es eindeutig der Schreck durch das Motorrad. Noch auf dem Rückweg fing sie bei jedem lauten Gefährt, das uns begegnete, an zu zittern.

Vielleicht ist es gut, wenn man nicht weiß, für wen einen die Leute halten, wenn man mit brüllenden Kindern unterwegs ist, für eine nachlässige, übermäßig strenge oder ignorante Mutter…
Eingekauft werden muss leider trotzdem. Unangenehm nur, wenn man so halbwegs bekannt ist und gleich über einen getratscht wird.
Aber manchmal sind die Dinge anders als sie scheinen. Wie gesagt, ich will nie voreilige Schlüsse ziehen.

(vom 08.06.2009)

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2 thoughts on “Einkaufen mit Gebrüll

  1. Hallo Jojo
    Ich kann Deine Situation sehr gut verstehen. Schade ist eigentlich immer, dass die Leute immer denken, sie wüßten alles besser (hat sich am Lenker gestoßen ) und dann auch keine andere Begründung zulassen. Meistens sind es dann auch noch Menschen, die selbst keine Kinder haben oder hatten und dadurch solche Sachen nicht kennen, aber immer gute Ratschläge haben. Das es nicht immer an mangelnder Erziehung liegt, schließe ich bei Dir aus (dafür meine ich Dich gut genug zu kennen ). Am besten ignoriert man solche Leute einfach. Ist nicht immer einfach, da diese es einem nicht immer einfach machen mit ihren Kommentaren. Verlass Du Dich auf Dein Bauchgefühl bei den Kindern und mach wie Du es für richtig hälst. Damit fährst Du bestimmt am besten!

    LG Heidrun
    P.S. auch mit unseren war es nicht immer einfach!!!

    1. Ja, mittlerweile kratzen mich solche Kommentare meist nicht mehr.
      Mich kratzt aber, dass ich mich selbst auch schon öfters bei solchem vorschnellen Urteilen erwischt habe.
      Eine Mutter von, ich glaub, 10 Kindern sagte mal, dass man mit jedem Kind mehr merkt, wie unterschiedlich sie sind und wie unterschiedlich man mit ihnen umgehen muss. Da helfen dann keine der Ratschläge für perfekte Erziehung, die man mit keinem oder einem ruhigen Kind meint, verteilen zu können.

      LG zurück,
      Jojo

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