Besondere Kinder, Besonderssein/Behinderung, Nachgedacht

Mein Sonnenschein

Gestern stellte mir ein 6jähriges Mädchen diese typischen Fragen, die sonst wohl auch andere in Gedanken stellen, aber sich nicht auszusprechen trauen: „Du, wann lernt Aila denn endlich sprechen?“ „Warum kann sie denn noch nicht richtig alleine essen?“ „Warum schläft sie denn noch nicht in einem richtigen Bett?“ Auf solche Fragen würde ich eigentlich gerne eine einfache und gleichzeitig zum Umdenken anregende Antwort geben, aber ich sagte nichts dergleichen, nur: „Ich weiß es nicht.“ War es der Tonfall in der Frage, der eher etwas abschätzig als wirklich interessiert klang oder einfach die Tatsache, dass ich mich gestern den ganzen Tag nur müde und irgendwie schlecht fühlte? Bei der Frage beim Mittagessen saß ich noch halb benommen am Tisch, weil ich kurz davor plötzlich schnell raus rennen musste und mich einige Minuten später ein fremdes Klo putzend wiederfand – einer plötzlichen Schwangerschafts-übelkeitsattacke war diese Aktion geschuldet. Am Tisch nahm mir dann jemand anders die Antwort ab: „Weißt du, Aila kann nicht so gut alleine essen, die ist nämlich nicht ganz gesund.“

Nicht ganz gesund? Ja, ist sie denn krank? Wäre das nicht so, wie wenn ich meine Schwangerschaft ebenfalls als Krankheit bezeichnen würde, nur weil mir davon übel wird?

Meine große Tochter lehrt mich, andere nicht aus dem Blickwinkel zu beurteilen, was sie nicht sind und nicht können. Da fiele einem sicher noch einiges andere ein, wenn man sie beobachtet. Sie ist von Geburt an ein besonderes Kind, dem Vieles viel schwerer fällt zu lernen als anderen Kindern und das sich für Vieles viel mehr anstrengen muss als andere.

Wenn ich sie beobachte, fällt mir aber noch viel mehr Besonderes an ihr auf, eine Menge Stärken, die sie hat: Nämlich, dass sie ein unübertroffen warmer kleiner Sonnenschein ist. Sie hat so ein aufheiterndes Strahlen und ansteckendes Lachen, das sie jedem schenkt, ganz unabhängig davon, wer er ist und wie er aussieht. Da kann ich manchmal wirklich von ihr lernen, dass sie vorbehaltlos und ohne Berührungsängste zu jedem freundlich und liebevoll ist, sei es ein Obdachloser auf der Straße, ein verkrüppelter Mann mit entstelltem Gesicht im Rollstuhl oder eben eine hübsche Frau, die gut mit Kindern umgehen kann. Ich staune welche Freude sie dadurch verbreitet, auch bei fremden Leuten, die wir irgendwo auf der Straße oder beim Einkaufen treffen, wie sie ein Lächeln auf das verbitterte Gesicht einer einsamen alten Frau zaubert oder eines genervt dreinblickenden Mannes in der Warteschlange. Ich glaube, dass das auch eine besondere Gabe ist, die ihr gegeben ist. (Auch wenn ich als von Kindesmissbrauchsfällen lesende Mutter mir dann auch wieder Gedanken mache, wie man sie davor schützen kann, dass ihre Distanzlosigkeit Fremden gegenüber sie noch in Gefahr bringt.)
Ich staune auch, dass meine Große fast nie schlechte Laune hat, und wenn, dann geht sie anderen dabei nur selten durch Gemaule, Geschrei und Zickerei auf die Nerven. Ich staune, dass sie keinen Streit oder Ärger mit anderen Kindern anzettelt.
Ich staune, welche Geduld sie hat, wie lange sie ruhig abwarten kann, wie friedlich und zufrieden sie ist.
Ich staune, wie sie sich über unwichtige Kleinigkeiten freuen kann, bzw. solche Dinge, die ich bislang dafür hielt. Sie nimmt vieles ganz anders wahr als ich, weniger systematisch, analytisch mit dem Verstand, dafür mehr mit dem Herzen.
Ich staune, wie sie sich immer wieder an den gleichen Dingen freuen kann, ohne dass sie deren überdrüssig wird, ohne es unter „kenn ich schon, weiß ich schon“ achtlos abzuhaken.
Sie freut sich über jedes Lebewesen, jeden Menschen, jedes Tier, jede Blume, jedes Detail, jedes komische Geräusch…
Und jedes Licht, das sie erblickt, bringt ein Strahlen auf ihr Gesicht. Ja, sie ist selbst ein Sonnenschein, der Licht und Wärme in seiner Umgebung verbreitet und unser Leben fröhlich und reich macht.

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3 thoughts on “Mein Sonnenschein

  1. ;) !!!

    Ich denke fast, dass die meisten besonderen Kinder Sonnenscheinkinder sind!! Habe schon verschiedene so kennengelernt bzw. deren Eltern so über sie reden gehört.

    Naja, und ehrlicherweise muss ich sagen, dass auch unser Sonnenschein nerven kann und quengeln kann, haben gerade so einen Tag erlebt :) .
    Trotzdem finde ich ihre Grundstimmung sehr sonnig und weniger launisch als ich das von anderen, z.B. unsrer anderen Tochter, kenne.

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