Besondere Kinder, Besonderssein/Behinderung, Bildung/Kita/Schule, Erlebt, Inklusion, Nachgedacht

Integrationserfolg?

Morgens, 9 Uhr und x, ich öffne die Tür zum Kindergarten. Zwei, drei Mädchen kommen angerannt und begrüßen uns laut mit „Hallo Stoffliebhaberin, hallo Stoffliebhaberin!“, eine läuft weiter und ruft in den Gruppenraum: „Die Stoffliebhaberin ist da!“. Nachdem wir Jacke und Schuhe usw. ausgezogen haben, geht meine Große selbst fröhlich in ihren Raum und jeder heißt sie herzlich willkommen, ein Junge hilft ihr gleich, den Stecker von ihrem geliebten Lichterschlauch in die Steckdose zu stecken, Das Morgenritual meiner Großen beim Ankommen im Kindergarten und dann werde ich nicht mehr gebraucht. Wenn ich um 12 Uhr zum Abholen in den Kindergarten komme, bekomme ich viel erzählt: Ein Mädchen hat mit ihr in Gebärden geredet und gespielt, zwei andere haben mit ihr geschaukelt, ein paar haben mit ihr und für sie gemalt usw. Oft können wir auch kleine Geschenke von den anderen Kindern mit nach Hause nehmen: Eine selbst gehäkelte Kette für die Stoffliebhaberin, ein selbst gebasteltes und gemaltes Buch mit ihrem Namen drauf und zum Abschied vorm Wochenende schenkten ihr zwei Jungs ganz stolz einen toll gemalten und ausgeschnittenen Elefanten. Ich habe den Eindruck, dass meine Große sich auch schon einiges Positive von den anderen Kindern abgeguckt und neu gelernt hat. In den ersten Wochen wurde meine Große von den anderen kaum beachtet, sie wussten auch nicht, wie sie mit ihr umgehen sollten, aber als ich den Kindern eine Gebärdengeschichte erzählt hatte und ihnen erklärt und gezeigt hatte, wie sie mit den Händen redet, platzte der Knoten und seitdem scheint sie voll akzeptiert und integriert zu sein in ihrer Kiga-Gruppe, ihre Besonderheit stört keinen und dass sie Gebärden kann, finden alle spannend. Sie wird wertgeschätzt wie sie ist. Da geht man gerne hin und bringt sein Kind gerne hin! Toll, wenn Integration so läuft, das ist aber wohl nicht unbedingt selbstverständlich so.

Ich habe schon so viele unterschiedliche Erfahrungen und Bewertungen zum Thema Integration von Eltern gehört und gelesen, z.B. dass das Kind als I-Kind in der Regelschule nur noch schwarze Bilder gemalt hat und alle Fröhlichkeit und Lebenslust verloren hatte. Als sie Ihr Kind dann auf eine Förderschule umgeschult hatten, wurde es wieder das alte lebensfrohe Kind, das wieder bunte Bilder malte und auch mehr Fortschritte beim Lernen machte.

Ich glaube, es hängt von ganz vielen Faktoren ab, welche Bildungseinrichtung, Kindergarten oder Schule, für das Kind die beste ist, es kommt auf das Kind selbst an, auf die Art der Behinderung, die Mitschüler, Erzieher und Lehrer, die Bedingungen vor Ort, die Atmosphäre in der Einrichtung und der Gruppe bzw. Klasse usw. Ich würde mich dafür einsetzen wollen, dass Integration überall gut gelingt, aber ich würde es nie als generell beste Möglichkeit bezeichnen.

Die UN-Behindertenrechtskonvention, die im März 2009 in Kraft getreten ist, räumt jedem behinderten Kind das Recht ein, auf einer allgemeinbildenden Schule unterrichtet zu werden und stellt das deutsche System von allgemeinbildenden Regelschulen und Förderschulen in Frage, es könnten durch sie die Länder und Kommunen als Schulträger sogar gezwungen werden alle Kinder gemeinsam an Regelschulen zu unterrichten. Bei allen wunderbaren Gedanken über die Integration von Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft muss noch vieles geschehen, damit die Integration bzw. Inklusion, wie es fortschrittlicher genannt wird, in der Schule wirklich sinnvoll und erfolgreich durchgeführt werden kann. Nicht nur die Gesetze und Rahmenbedingungen in der Schule müssten sich ändern, sondern jeder Mensch selbst in seinem Denken und Verhalten gegenüber besonderen Mitmenschen.

Ich höre von immer mehr Fällen von Mobbing an Mitschülern in der Schule und ich bin selbst erschüttert, dass ich in jeder der beiden Töpfer-AGs, die ich bisher an der Schule für 4.-6.Klässler angeboten habe, in extremem Ausmaß erlebt habe, wie viele der Schüler sich die ganze Zeit über auf Kosten der Schwächsten in der Gruppe amüsiert haben oder es tun wollten. Ob das nun wegen besonderen Äußerlichkeiten („eklig gelbe Zähne“), mangelnder Intelligenz („so dumm, so doof“), Ungeschicklichkeit („das sieht ja hässlich aus“), Sprachproblemen (nachgeäfft) oder merkwürdigem Verhalten war, alles, wo derjenige anders oder besonders war oder handelte, wurde verspottet. Es traf tatsächlich immer die Schüler, die Förderschulkandidaten waren.

Wenn die Mitschüler ihren Selbstwert dadurch stärken müssen und ihren Spaß und Unterhaltung dadurch haben, dass sie auf denen rumhacken oder ihren Frust und Ärger an denen auslassen, die anders, besonders, schwächer sind, sich nicht selbst wehren können und keinen haben, der sich für sie stark macht, dann ist das keine Gruppe, in der Integration gut gelingen kann. In dieser Atmosphäre möchte ich mein besonderes Kind nicht aufwachsen lassen. Das wäre das Gegenteil von dem, was das Antidiskriminierungsgesetz erreichen will: mehr Diskriminierung und Demotivation als gezielte und verständnisvolle Förderung bei der sich die Persönlichkeit frei entfalten kann. Schaffen wir es als Eltern und Pädagogen, unsere Kinder und unsere Gesellschaft so zu prägen, dass tatsächlich jeder Mensch mit seinen Besonderheiten wertgeschätzt wird, die Unterschiedlichkeit von Menschen geachtet und als Teil der menschlichen Vielfalt akzeptiert wird und dass behinderte Menschen als Bereicherung verstanden werden? Dann könnte jeder gute Integrations- oder Inklusionserfahrungen machen, das wäre wirklich wünschenswert.

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2 thoughts on “Integrationserfolg?

  1. Spannende Gedanken. Zum Glück haben wir morgen mal wieder Zeit zum Quatschen… mir sind zu diesem Thema in den letzten Tagen auch einige Gedanken durch den Kopf gegangen… bis dahin!
    : )

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