Besondere Kinder, Muttersein, Nachgedacht

Eine “(Mütter)Lieblingsbeschäftigung”

Irgendwo in einem Wartezimmer oder auf einer Bank auf dem Spielplatz, neben mir eine andere Mutter… fast immer entwickelt sich dann das gleiche „Gespräch“, d.h. sie fragt mich auf meine Kinder deutend: „Wie heißen sie denn – es sind doch zwei Mädchen, oder?“ Und dann folgt die nächste Frage: „Und wie alt sind sie?“
Ich muss daran denken, dass meine afrikanische Freundin mich verwundert fragte, warum wir Deutschen jeden nach seinem Alter fragen würden. Sie hatte es genauso erlebt, jeder, den sie hier kennenlernt, fragt sie zuerst nach ihrem Namen und dann nach ihrem Alter. Warum machen wir das? In Afrika fragt keiner danach, weil niemand das Alter für so wichtig hält, und manche ihr genaues Alter auch gar nicht wissen.

Warum fragen wir Mütter immerzu danach? Weil uns nichts Besseres einfällt, um ins Gespräch zu kommen? Dabei hat sich das Gespräch meistens nach diesen beiden Fragen und dem gegenseitigen Beantworten schon erschöpft, dafür spürt man dann, wie in beiden Köpfen die Gedanken rattern, die Gedanken einer Mütterlieblingsbeschäftigung nämlich: Die eigenen Kinder mit denen anderer Mütter zu vergleichen und zu ergründen versuchen, was die andere über einen selbst und seine Kinder denkt. Das Alter dient da als prima Messlatte, die anderen Kinder irgendwie einzuordnen. „Was, 1 ½ Jahre alt und läuft noch nicht? Da war mein Kind aber viel schneller.“ „Für 3 Jahre ist sie aber ziemlich klein. Wie, sie spricht noch nicht?“ „Ein Jahr, und sie kann solange still sitzen?“ „Erst 1 ½ Jahre? Da spricht sie aber schon viel, ich hätte sie älter geschätzt.“… Die meisten dieser Gedanken bleiben unausgesprochen, man gibt ungern zu, dass das eigene Kind nicht so schnell in der Entwicklung ist oder will sich nicht zu stolz zeigen, dass es schneller als das andere Kind ist. Warum vergleichen wir nur so gerne? Wir wissen doch, dass Vergleichen nur unglücklich macht, wie schon Kierkegaard gesagt hat: „Alle Not kommt aus dem Vergleichen.“ Wir wissen doch, dass es kein festes Entwicklungsschema gibt und dass man an dem altersbezogenen Wissen und Können nicht den ganzen Menschen beurteilen kann.
Ob wir manchmal unsere Kinder vergleichen, um uns selbst ein bisschen besser und erfolgreicher fühlen zu können, als wenn wir uns mit gleichaltrigen Frauen vergleichen, die eine bessere Karriere gemacht haben als wir Mütter? Damit wir wenigstens besonders gute Mütter mit besonders guten Kindern sind?
Ob deswegen auch meine afrikanische Freundin immer nach dem Alter gefragt wird, nämlich um einzuordnen, wer für sein Alter am erfolgreichsten ist, am besten aussieht usw?

Vor kurzen habe ich einen Liedrefrain von Manfred Siebald gehört, der das Problem des Vergleichens auf den Punkt bringt:
„Louisa, Louisa, was bringt es, wenn du dich mit anderen vergleichst?
Louisa, Louisa, es steht dir nicht, wenn du vor Neid erbleichst.
Louisa, Louisa, vergiss nicht, dass für Gott dein Leben wertvoll ist.
Louisa, Louisa, er sagt dir, dass du unvergleichlich bist.“

Meine Kinder und ich sind, wie jeder Mensch, unvergleichlich, unvergleichlich wertvoll, da bringt und ändert alles Vergleichen nichts!
Also versuche ich das Vergleichen zu lassen, ertappe mich aber immer wieder bei solchen Gedanken. Vielleicht brauchen wir auch ein Stück weit dieses einordnende Denken, um in unserer Welt zurechtzukommen. „Na gut“, denke ich, solange wir daraus nicht ein Bewerten werden lassen. Und die Frage nach dem Alter stelle ich sowieso (fast) gar nicht mehr, ich müsste dann nur ständig Erklärungen zu meiner besonderen Tochter abgeben, und darauf habe ich in einem Vier-Sätze-Gespräch mit einer einmal und nie wieder gesehenen Mutter keine Lust. In solch einem „Gespräch“ verfährt man, finde ich, am besten, wenn man einfach wertschätzende Bemerkungen macht, was die (anderen) Kinder gut können. Ja, ich glaube, so verfährt man auch generell am besten: Die Stärken und den Wert eines jeden Menschen gleichwertig anzuerkennen.

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