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Mit den Händen reden

Letzte Woche habe ich in Ailas Kindergartengruppe eine Geschichte über einen Tag von ihr mit den Händen erzählt. Die Erzieherinnen waren begeistert, wie begeistert die Kinder mitgemacht haben, und ich war es auch. Überhaupt bin ich begeistert von der Gebärdensprache als Unterstützung der Sprache bei der Kommunikation.
Leider hält sich hartnäckig das Gerücht, dass das Gebärden Erlernen den Spracherwerb verzögert oder verhindert, weil die Kinder dann aus Bequemlichkeit gar nicht mehr sprechen (lernen) würden. Alle wissenschaftlichen Studien und auch meine Erfahrungen belegen allerdings das Gegenteil.
Meiner großen Tochter haben die Gebärden das Tor zur Kommunikation geöffnet. Sie hört alles und versteht alles und könnte auch Laute bilden, aber aus unbekannten Gründen hat sie bisher keine lautsprachliche Entwicklung gemacht. Nun hat sie aber durch die Gebärden – nachdem wir ihr ein Jahr lang mal mehr und mal weniger konsequent einige Gebärden gezeigt haben – Spaß daran gefunden, sich zu unterhalten, zunächst über Tiere, die man sieht und malt und nachahmt. Der größte Fortschritt ist aber, wie ich finde, dass sie nun auch ihre Wünsche und Bedürfnisse mitteilen kann und erfährt, dass sie gehört und verstanden wird und jemanden durch ihr „Reden“ bewegen kann, und zwar nicht nur Mama und Papa, die ihre Mimik und Brummlaute richtig deuten können. Mittlerweile kann sie z.B. zeigen, dass sie etwas „essen“ möchte. Ihr neuestes Wort ist „Schokolade“, das erste Lebensmittel, was sie konkret zeigen kann, nicht etwa, weil es so einfach zu gebärden wäre, sondern weil es am interessantesten ist. Oder sie kann dem Papa, der am Nachmittag nach Hause kommt und fragt, was sie nach dem Mittagessen gemacht hat, antworten, dass sie „geschlafen“ und „gemalt“ hat.
Aber auch meiner kleinen Tochter, die gerade begeistert sprechen lernt, helfen die Gebärden, denn sie lernt sie noch schneller als Wörter – und lässt sie wieder weg, wenn sie das Wort kann bzw. gebärdet noch einmal zusätzlich, wie um zu zeigen, dass sie das auch beherrscht oder um das Gesagte zu wiederholen, weil sie nicht gleich verstanden wurde. Ich hätte sonst wohl noch nicht entschlüsselt, dass „Waff“ „Maus“ heißt, so konnte ich ihr aber noch einmal mit dem richtig gesprochenen „Maus“ antworten, was sie wiederum motivierte, nochmal zu sprechen. „Maus“ ist übrigens ein sehr beliebtes Wort, vor allem, wenn sie einen Laptop sieht. Dann kombiniert sie sofort Gebärden und Zeichen und möchte einen kurzen Zeichentrickspot aus der Sendung mit der Maus sehen, z.B. wie diese ihren langen Schal lassoartig gleich noch mit um die Hälse ihrer frierenden Freunde wickelt. Oder sie kann mir den ganzen Vormittag über erzählen, dass Papa „arbeitet“, und so habe ich einen Einblick in ihre Gedanken und in das, was sie beschäftigt, noch ehe sie es aussprechen kann.
Und wenn meine Töchter mal richtig sprechen können und die Gebärden nicht mehr zur Kommunikation brauchen, werden sie wahrscheinlich trotzdem wie die Kinder im Kindergarten begeistert davon sein, dass sie eine Art Zeichen- bzw. Geheimsprache können. In manchen Situationen wird es immer wieder sehr praktisch sein, sich mit Zeichen verständigen zu können: Etwa weil die Entfernung oder die Umgebungslautstärke zwischen den Gesprächspartnern so groß ist, dass man sich mit Sprache nicht unterhalten könnte, oder weil man so auch in Situationen, in denen man gar nicht reden darf oder will, kommunizieren kann.

Sonnenschein

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1 thought on “Mit den Händen reden

  1. das ist wirklich soo cool… ich freue mich mit für Euch und für Tabea! Es ist faszinierend zu sehen, wie Tabea ihre Hände bewegt, um sich mitzuteilen… : )

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